Candle Light
Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung von Melanie Richter, „Candle Light“, Atelierhaus der Stadt Neuss, 11. April 2013


In dieser kleinen, aber umso feineren Ausstellung mit dem programmatischen Titel „Candle light“ konzentriert sich die Künstlerin auf ihre jüngste abgeschlossene Werkgruppe: die Kandelaber. Mit der Darstellung von zumeist vielarmigen Kerzenständern hat sich Melanie Richter in den Jahren von 2010 bis 2012 intensiv auseinandergesetzt. Nach ihren Wieder-gaben etwa von Flaschen und Gläsern erhebt Melanie Richter abermals einen Alltagsge-genstand zum Zentrum ihrer Kunst. Während die Auseinandersetzung mit dem Thema des Kandelabers zunächst ungewöhnlich erscheint, so liegt dieser Wahl eine überaus konse-quente und folgerichtige Weiterentwicklung zugrunde: Während zuvor in Werkgruppen wie „glasses“ eine vielteilige Einheit durch das Neben- und Miteinander von Gläsern auf der Bild-fläche erreicht wurde, vereint das Motiv des Kandelabers die einzelnen Kerzenhalter zu einer prägnanten Gesamtform. So liegen dem Rückgriff und der Faszination der Künstlerin für diesen Gegenstand weniger inhaltliche als vielmehr formal-ästhetische Fragen zugrunde, die ihr ganz neue Möglichkeiten und Perspektiven eröffnen, einen Alltagsgegenstand mittels Form und Farbe einer abstrahierenden Verfremdung zu unterziehen.

 

Anstelle der modernen, reduzierten Gestalt eines Kerzenständers, greift Melanie Richter be-wusst auf Formen zurück, die die besondere Aura von Vergangenheit, Patina und Opulenz entfalten. Während die Künstlerin in ihren früheren Werken die Bildmotive mit einem flüchtig bewegten Pinselstrich malerisch-skizzenhaft anlegte, hält sie nun die Kerzenständer mit ihren verspielten Details überaus differenziert und zeichnerisch prägnant fest und spürt den unzähligen Schwüngen, Wölbungen und Einkerbungen nach. 

 

Nachdem die Kandelaber-Bilder von Melanie Richter etwa im Barocksaal der ehemaligen Reichsabtei Aachen-Kornelimünster 2011 bis 2012 in einen historischen Kontext gestellt waren und eine formale Einheit mit ihrem Umraum bildeten, geht diese Ausstellung einen entscheidenen Schritt weiter: Hier ist es nicht der Einklang, sondern vielmehr der Kontrast zwischen der historisch anmutenden Form des Kandelabers und der Klarheit und Einfachheit des Ausstellungsraumes, der eine spannungsvolle Atmosphäre nicht ohne Irritation schafft.

 

Bereits beim Betreten des Raumes wird der Besucher von den riesigen Darstellungen der vielgestaltigen Kandelaber unmittelbar und direkt konfrontiert. Bereits aufgrund ihrer Größe entfalten vor allem die Hochformate eine der Realität enthobene monumentale, gleichsam auratische Präsenz, der man sich nicht entziehen kann und die die Motive aus ihrem alltäg-lichen Zusammenhang befreit. Ohne Hinweise auf eine Stell- oder Wandfläche scheinen die Kandelaber aus ihrem Zusammenhang gelöst und vor einem diffusen, sich in die Tiefe öff-nenden Farbraum zu schweben. Jeglichen Hinweis auf einen Anbringungsort hat die Künst-

lerin negiert zugunsten reiner Farbe, die sie in Helligkeit und Kolorit changieren lässt. Es öffnet sich ein wirkungsvoller Farbraum, in den das Auge des Betrachters eintaucht und der die Zeit- und Ortlosigkeit des Gegenstands wirkungsvoll betont.

 

Sowohl durch die Farbkontraste – etwa eines kühlen blau-grauen Hintergrunds gegenüber einem strahlenden gold-gelben Kandelaber mit weißen Kerzen – als auch durch den flächig-lasierenden Farbauftrag betont die Künstlerin nicht nur die ausgesuchte Form des Motivs, sondern sie trägt maßgeblich zum Ausdruck von Plastizität und Monumentalität bei. Der Kan-delaber scheint sich gleichsam aus der Fläche des Bildträgers zu lösen und eine eigene, fast greifbare Präsenz zu entfalten.

 

Dieser Moment von Nähe und Direktheit, den die Künstlerin zwischen Bildwerk und Betrach-ter schafft, wird durch die Art der Anbringung verstärkt: Durch die Winkel scheinen die Werke nicht länger an, sondern vielmehr vor der Wand zu schweben. Während die Kandelaber da-durch einerseits an Körperlichkeit gewinnen, wird andererseits – gleich einer Membran – der Eindruck von Leichtigkeit und Verletzlichkeit erreicht.

 

Der bereits angesprochene Gegensatz von Vergangenheit und Gegenwart, der sich zwi-schen dem Werk und seinem Umraum entfaltet, trägt auch innerhalb des Bildes selbst zu einem wirkungsvollen Kontrast bei: So vereint die Künstlerin den Gegensatz zwischen dem feinen, plastisch anmutenden Kandelaber und seinem diffusen farbigen Grund ebenso wie der weißen langgestreckten Kerze, die auf ihre reine Fläche und Kontur reduziert erscheint. Durch die Verbindung von Pigment, Acryl und industriellem Wachs, dem sogenannten Stearin, hat Melanie Richter ein technisches Verfahren geschaffen, das ihr eine prägnante und unverwechselbare malerische Position verleiht. So hat die Künstlerin die dargestellten Kerzen aus flüssigem Wachs auf die Leinwand aufgetragen und mit Farbe überfangen. Durch das wiederholte Erhitzen des Wachses wird das Material herausgeschwemmt und die ausgesparten Bereiche werden zu weißen Flächen, die das natürliche Licht durchscheinen lassen und damit selbst zur Lichtquelle werden.

 

Während in einigen Bildern die Kerzen durch das Entfernen von Material entstehen, lassen sich auch Darstellungen finden, in denen die Künstlerin durch die Wegnahme und die Hinzu-nahme von Wachs und Farbe zu eindrücklichen Bildlösungen gelangt. So entfaltet etwa der linke Kandelaber auf der Stirnwand seine Ausdruckskraft sowohl durch seine expressive, zwischen Braun, Rot und Schwarz changierende Farbigkeit gegenüber dem kühlen Kolorit des metallenen Trägers als auch durch seine Materialität aus Wachs und Farbe, die dem Bildträger sogar eine haptische Qualität verleiht.   

 

Als Zeugen des Malaktes und als Moment von Bewegung gegenüber der Statik des Leuch-ters fungieren die unzähligen Wachstropfen, die gleich Drippings herunterzurieseln oder auch zu dünnen Fäden verdichtet unaufhaltsam hinabzufließen scheinen. Die Anzahl und Anlage der Tropfen entscheiden maßgeblich über den Ausdruck des jeweiligen Bildes: Hier

vereint die Künstlerin den Gegensatz zwischen dem harten metallenen Kerzenleuchter und dem geschmolzenen organischen Wachs, zwischen Festigkeit und Auflösung, Stabilität und

Fragilität, Kälte und Wärme, Ewigkeit und Vergänglichkeit. Die Tropfen, die je nach Farbig-keit auch die Vorstellung von Tränen und Blut entstehen lassen, spiegeln das Verfließen der Zeit wider und gemahnen – wie auch die erloschenen Kerzen – an die Verletzlichkeit und Endlichkeit des Lebens.

 

Bettina Zeman

(Clemens Sels Museum, Neuss)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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copyright by Bettina Zeman (Clemens Sels Museum, Neuss)