Melanie Richter - Spaziergang in der Krypta
Eröffnungsrede 24.02.2013 zur Ausstellung in der Städtischen Galerie/ Kulturforum Alte Post Neuss

Eröffnungsrede 24.2.2013 

Melanie Richter ist eine Forscherin. Ihr neuestes Interesse gilt der Anatomie. Von der pathologischen Beobachtung ausgehend experimentiert sie mit der Darstellung von Skeletten und Schädeln. In gewohnt überdimensionalem Format offenbaren sich ihre Motive vor schreiendem Gelb und Grün, oder vor einem Sog von geheimnisvollem Blau, das weit in die Tiefe hinein zieht. Der Leinwandstoff dient der toten menschlichen Figur als undefinierbarer Untergrund, aus dem sie sich – fahl und knochentrocken -  während eines langen malerischen Prozesses heraus schält.

Melanie Richter, deren Atelier in Neuss einen herausragenden Kunstpunkt bildet, studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei Dieter Krieg. Ihre spezielle Wachs- Acryl-Maltechnik kommt in diesen erstmals ausgestellten Bildern auf besondere Weise zum Ausdruck:

Nachdem sie die figürlichen Formen mit Pigmentstiften frei und unmittelbar auf die Leinwand gezeichnet hat, fixiert sie diese mit flüssigem Wachs. Die gewachsten Figuren werden so für den weiteren Malprozess von dem übrigen Bildraum getrennt. Es folgt die mehrfache Übermalung der gesamten Bildfläche Schicht um Schicht in wassergebundener Acrylfarbe. Und im Anschluss wird das Wachs wieder mittels Erhitzung abgetragen.

Es ist eine virtuose Malweise in zahlreichen feinen Arbeitsschritten, die einerseits klar separierte Konturen zwischen Figur und Grund erzeugt und andererseits eine mehrfache Überlagerung der Farben und deren ganz gezielte Mischung ermöglicht.  

Das Wachs trägt als formbarer und schmelzbarer Stoff wesentlich zu der Herausbildung der Motive bei. Zugleich wird Wachs durch Wachs dargestellt, ist es selbst in Form von Kerzen Sujet. Zuvor hatte Melanie Richter diese thematische Verquickung in der Serie der Kerzenleuchter herausgearbeitet, die der hier ausgestellten Serie vorausging. In den schmalen hochformatigen Gemälden wirkt dieses Thema noch nach. Wachskerzen sitzen auf dem toten Haupt stehender Skelette und ragen unbehaglich über sie hinaus. Sie sind zum Teil abgebrannt, bereits erloschen, und es scheint, als ob sich der Prozess umgekehrt hätte. Man könnte meinen, dass die gemalte Kerze wirklich gebrannt hätte. Das zusätzlich über die Leinwand getropfte Wachs legt sich milchig transparent darüber. Es verbindet sich in seiner getrockneten, festen Form mit dem gebrechlichen Knochengerippe zu einer seltsamen Einheit - eine subtile Durchkreuzung der malerischen Illusion mit der Ikonografie der Kerze.

Abgebrannte und erloschene Kerzen befinden sich als Symbole der Vergänglichkeit auf Vanitas - Stillleben seit dem 17. Jahrhundert. Die Kerzen verdeutlichen oftmals inmitten eines mit Sinnbildern gedeckten Tisches oder Altars, dass Zeit abläuft und Leben verrinnt. Als Wärme leitender Stoff kann Wachs als Material andererseits Lebenskraft oder Lebensrettung symbolisieren. Ob Wachs, Kandelaber, brennendes oder erloschenes Licht – zusammen mit den Schädeln, Skeletten und Spiegeln liegen hier Motive vor, die fest im Kanon der Kunstgeschichte verankert sind. Im kulturellen sowie religiösen Gedächtnis der Menschen sind sie eng mit bestimmten Vorstellungen verknüpft.

Melanie Richter beschäftigt sich vorrangig mit solchen einfachen Dingen, denen feste Bedeutungen anhaften. Ihr Ziel ist es, neue Sichtweisen entgegen der in den Köpfen verankerten Bilder zu entwickeln. In ihrer figurativen Malerei sucht sie vor allem den unmittelbaren Ausdruck. Ohne Vorzeichnung entsteht eine pure, kraftvolle, ausdruckstarke Malerei, die die gesamte Bandbreite der Möglichkeiten bis hin zur Batiktechnik ausschöpft.

Die großformatigen Skelette zwischen Knochengerüst und menschlichem Körper fallen dabei durch ihre Linearität auf. Im Gegensatz zu den Astronautenbildern, bei denen die bauschigen Anzughüllen auf die menschlichen Figuren schließen lassen, werden die Skelettfiguren hier durch ihr inneres Gerüst imaginiert. Die Figuren scheinen weder zu liegen noch zu sitzen, und es bleibt unklar, welche Bewegungen sie ausführen. Ihre Umgebung ist ein abstrakter Farbraum, der sich seiner Definition entzieht. Diese Skelett-Bilder wurden von der Vorder- und Rückseite bemalt. Vor allem durch das verschachtelte Durchscheinen von abgetragenen und hinzugefügten Schichten kommt eine schwerelose Dynamik zustande.

Eine weitere Bildgruppe, die durch ihre pastose Malweise gekennzeichnet ist, greift einzelne Knochenfragmente heraus. Die Knochen und Gelenke haben den ironischen Titel „Spaziergang“, der - wie es die Künstlerin beschreibt - über die Rheinuferwiesen führen könnte. Ein Gedanke, der deutlich macht, dass es ihr nicht um düstere Todesvorstellungen geht, sondern vielmehr um Bewegung und Leben.

In ihren Drehungen und Verzerrungen sind die Knochenteile bewusst überzogen, weichen teilweise auch von der anatomischen Genauigkeit  ab. Sie verdeutlichen, dass es über die naturwissenschaftliche Untersuchung hinaus darauf ankommt, wie die Knochenmaterie abstrahierbar und malerisch darstellbar ist.

„Die Sicht der Dinge kann ironisch sein, der Pinselstrich nicht“, sagte Dieter Krieg einmal, ein Zitat, das auch zu Melanie Richter passen könnte. Es veranschaulicht, wie sie die Malerei immer wieder selbst zum Thema macht. Mit Dieter Krieg, Cornelius Völker und Tatjana Doll verbindet sie die monumentale Darstellung banaler Gegenstände. Melanie Richters Besonderheit liegt darin, dass sie die Dinge stets unangeschnitten und in voller Präsenz in eine eigene Spannung von Figur und Raum bringt. Zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion nimmt die Farbe auf verblüffende Weise die Materialität der dargestellten Stoffe an.  

Ihre jüngsten Motive der Kandelaber, Schädel, Skelette und Spiegel umkreisen neben Leben, Tod und Vergänglichkeit das Thema der Feierlichkeiten. Feste werden mit leuchtenden Kerzen gefeiert. Und denkt man an südländische oder außereuropäische Kulturen, dann sind bei den festlichen Anlässen auch die Toten anwesend. Die Vorbilder der spanischen und mexikanischen Malerei leuchten damit im Hintergrund auf. Hieran erinnern die Bilder von Melanie Richter – sie entstehen mit kräftigem Malgestus, sind intensiv, abgründig und lebensfroh und zugleich in ständigem Farbrausch. 

copyright by Anne Rodler