Gemaltes Kerzen-Licht
Ausstellungsbesprechung Candle Light, Neuss
von Helga Bittner

Erscheinungsdatum: 10.04.2013 − Zeitung: RP − Ausgabe: NE − Ressort: LF − Seite: 27


Gemaltes Kerzen−Licht


Im Atelierhaus an der Hansastraße zeigt die Künstlerin Melanie Richter

eine Werkgruppe, die für sie abgeschlossen ist: „Kandelaber“.


Von Helga Bittner


Neuss Was manchem Künstler ein Graus ist, wird bei Melanie Richter zu einer Grundvoraussetzung: das

Sitzen vor einer weißen Leinwand. „Ich brauch das unbedingt“, sagt sie lachend, „ich mag auch in meinem Zuhause nur weiße Wände.“ Und warum? Weil sie nur dann die Bilder sieht, die sie auch malen wird. Wobei „malen“ nur begrenzt erfasst, was die in Neuss arbeitende Künstlerin macht. Zweifellos sind ihre Arbeiten Gemälde – vor allem auf den ersten Blick. Aber auf dem zweiten sieht man, dass sie aus Schichten bestehen, dass Farbe im Sinne des Wortes Material ist. Sie wird nicht aufgetragen, sondern eingerieben – etwa mit

Wachs.


Wer die Ausstellung ihrer neuen Werkgruppe „skulls & bones“ in der Alten Post verpasst hat, bekommt eine neue Chance: Im Atelierhaus an der Hansastraße zeigt sie Kandelaber – jene Werkgruppe von Bildern, die sie

als abgeschlossen betrachtet und die vor den „skulls & bones“ ihre Arbeit bestimmt hat.


Dass sie die Vorgänger der Gerippe und Knochen nun im unmittelbaren Anschluss an die Schau in der Alten Post zeigen kann, empfindet sie selbst als „glücklichen Zufall“. Beide Ausstellungen seien zwar Teile eines Gesamtkonzepts, sagt auch Kulturamtsleiter Harald Müller, dessen Team die Schau „Candle Light“ im Atelierhaus organisiert, „aber die zweite Ausstellung hätte auch später stattfinden können“. Kurz wird sie sein, denn Richters Arbeiten sind gewissermaßen auf der Durchreise, werden auch in anderen Städten

gezeigt.


Die Arbeit von Richter ist durchzogen von drei Eckpunkten: Licht, Raum und Zeit. Wenn sie von ihren Bildern erzählt, scheint der Weg zum Ergebnis das Wichtigste zu sein. Das Sehen des Bildes vor dem inneren

Auge, das Umsetzen auf die Leinwand, das ständige Auftragen von Stearin, das das Farbpigment in den Malgrund treibt, das Wiederabnehmen des Wachses, die Suche nach dessen Spuren, die unter Farbe zu verschwinden drohen – Richters Malerei hat etwas Experimentelles, das indes ein perfektes Ergebnis zeigt.


Sie selbst geht ganz und gar unprätentiös mit ihren Arbeiten um. Schiebt sie schon mal vors Fenster und freut sich an dem „Wow“−Effekt beim Betrachter, wenn der von der durchscheinenden Leuchtkraft der Kerzen

und Kandelaber schier umgehauen wird. „Ein Bild muss in jeder Situation bestehen“, sagt sie dann zufrieden und stellt das Bild wieder vor die weiße Wand. Wo es nicht weniger beeindruckt, denn das, was das Licht gerade noch durchbrach, wird nun ganz plastisch. So gibt es Kerzenhalter, die in der Luft zu schweben scheinen, die man einfach packen möchte.


Rheinische Post, DC5−Bildpool 05/02/13 13:03:30 1/2

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