Helga Bittner, Wie aus Skeletten Individuen werden
NGZ neuss 22.02.2013
Melanie Richter: Ein Spaziergang - skulls ¶ bones

Neuss Wie aus Skeletten Individuen werden

VON HELGA BITTNER - 22.02.2013

Neuss (NGZ). Die in Neuss arbeitende Malerin Melanie Richter zeigt in der Alten Post eine neue Werkgruppe mit "Skulls & Bones".

 

Gleich mit der ersten Ausstellung des neuen Jahres in der Alten Post ist dem städtischen Kurator Klaus Richter ein Coup gelungen. Zum einen präsentiert er mit den Arbeiten von Melanie Richter eine überzeugende Position innerhalb der Neusser Malerei und zum anderen ist er der erste, der die neue Werkgruppe der an der Salzstraße arbeitenden und in Düsseldorf wohnenden Künstlerin ausstellt. "Skulls & Bones" (Schädel und Knochen) heißt die Schau und zeigt Gemälde, bei denen auf Anhieb nachzuvollziehen ist, warum Klaus Richter schon bei seinem ersten Besuch im Atelier der Künstlerin darauf bestanden hat, genau diese auszustellen.

"Schädel und Knochen" – da schwingt Morbidität, Vergänglichkeit mit, aber Melanie Richters Bilder sind auf fast schon irritierende Art höchst lebendig. Der Körper oder auch nur ein Teil von ihm mag reduziert sein auf das, was ihm das Gerüst gibt – die Knochen –, aber mit kleinen Veränderungen, derer der Betrachter gar nicht recht habhaft werden kann, werden aus vier Totenköpfen vier Individuen. Eins davon erinnert gar mit seinen dunklen Augenhöhlen, dem martialisch-kantig hochgestreckten Kopf ein bisschen an das Antlitz von Heino ...

Zwei große Bilder – einmal mit einem sitzenden, dem Betrachter den Rücken zugewandten Skelett und einmal mit einem fast schwebenden Skelett – fangen den ersten Blick ein. Richter hat sie mit einer Hülle umgegeben, aber das ist es nicht, was die Skelette so lebendig-menschlich erscheinen lässt. Vielmehr ist es die Bewegung, in der sie verharren, sind es die Farben, die geradezu leuchten: das frische Grün, das strahlende Gelb und das tiefe Rostbraun. Andere Arbeiten zeigen nur Arm und Hand in verdrehter Haltung – wie eben eine Bewegung ohne die richtungseinschränkenden Sehnen und Bänder möglich wäre. "Spaziergang" nennt die Künstlerin diese drei Bilder, die auch – so beschreibt die es selbst – aus dem "Wie der Malerei" entstanden sind wie ihre früheren Bilder mit Kandelabern und Kerzen. Nicht nur weil eine Kerze auch einen Platz auf einem Schädel findet oder aus einem Skelett über fast drei Meter Höhe einen ganz eigenen Kandelaber macht, bleibt Melanie Richter auch mit der neuen Werkgruppe bei ihrer Handschrift: "Bewegung und Wachs machen die Form aus", sagt sie. Farbe setzt sie als reines Pigment ein, zeichnet gewissermaßen mit gepressten Blöcken das erste Bild auf eine ungrundierte Leinwand, trägt Wachs auf, erhitzt diesen mit dem Fön, was dazu führt, dass die Farbe regelrecht in den Untergrund hineingetrieben wird. Welche Tiefen dabei auch entstehen könne, zeigen großformatige "Spiegel"-Bilder, die zeitgleich mit den ersten "Skulls" entstanden sind und über die Ornamentik auch die Verbindung zu den "Kandelaber"-Bildern herstellen.

Von der deutungsschweren Vergangenheit des Motivs Totenschädel ist Melanie Richter ebenso weit weg wie von dessen angesagter modischer Attitüde. So widersprüchlich das auch klingen mag: Mit der Reduktion auf die Figürlichkeit eines Knochens oder Skeletts generiert sie im Kopf des Betrachters das Bild vom Menschsein.

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