Text: Thomas Hirsch, Autor
Foto: Andrea Zeitler

Melanie Richter

 

Figur im Grund 

Ganz direkt, in Melanie Richters Malerei steckt das Wesen von Skulptur; die Sujets aber forcieren noch die Auseinandersetzung mit Malerei als Medium und Vorgang, in expressiver farbgesättigter Umsetzung. Melanie Richter arbeitet in Werkreihen. Vor zehn Jahren, im Anschluss an das Studium, waren „Geier“ auf riesigen Leinwänden zu sehen: als ausgreifende Farbbewegungen inmitten mächtiger Farbflächen und tatsächlich erst am Schnabel auszumachen. Und die „Schnee“-Bilder, die danach folgten, zeigen milchig amorphe Flächen in einer grünlichen Umgebung. Ähnlich konzentriert, frei waren auch Airbags gemalt, die sich zwischen Autoscheibe und menschlichem Körper geöffnet haben – als Motive bevorzugt Melanie Richter Stofflichkeiten, die Weichheit und Robustheit vereinen, dabei zuständlich und nicht recht zu greifen sind. Die zeitgenössisch sind und wenig „attraktiv“ für die Kunst scheinen.

 

Das trifft ähnlich auf die Dinge zu, denen Melanie Richter seit einigen Jahren in ihrer Malerei nachgeht: die Glasgefäße sowie die Astronauten, die mitunter Kopf über im Weltraum taumeln. Hier wie da ist die Figur eingefügt in einen flirrenden, fließenden Farbgrund. Überlebensgroße Gläser, Pokale und Flaschen stehen haltlos auf den hochformatigen Leinwänden. In der Linienführung brüchig, im Zusammenspiel mit Lichtreflexen sozusagen durchsichtig, umfassen die Gläser ihren Hohlraum. Eigentlich sind auch sie Hüllen, wie die Darstellung der Astronauten, die wie Mumien in ihren Anzügen verschwinden. Die geschlossene Form wird dort bestimmt von Rundungen, mit einem glänzenden Visier. Im Verschmelzen der Glieder (wie dies ab 2003 die Werkgruppe der „Spacebabies“ kennzeichnet), bleiben die Astronauten anonym und stereotyp. Individualität deutet sich indes über die Körperhaltungen an. Und vielleicht sind sogar Bezüge zur klassischen Kunstgeschichte auszumachen, zu den Engeln der italienischen Renaissance und den Putti des Barock. Lässt der Farbgrund nicht an Freskomalerei denken?

 

Melanie Richter variiert ihr Vorgehen von Werkgruppe zu Werkgruppe. Die Acrylfarbe ist häufig von der Rückseite aufgetragen und dringt dabei durch den Nessel. Die Motive selbst legt Melanie Richter zunächst als Wachs an, welches sie nach dem Auftrag der Farbe wieder heraustreibt, so dass aufgeworfene Leerstellen zurückbleiben. Sie repräsentieren die Gegenstände oder umgeben sie wie eine Korona.

 

Melanie Richter wurde 1964 in Göppingen geboren. Sie hat an der Akademie in Düsseldorf bei Dieter Krieg Malerei studiert. Wie ihr Lehrer wendet sie sich großen Formaten zu und fokussiert einzelne Gegenstande in einer ausgreifenden, nachfassenden Malerei, in der Bevorzugung „banaler“ Motive. Melanie Richter geht der Substanz der Dinge auf der Leinwand nach, spart sie schließlich aus, überlässt sie noch der Vorstellung des Betrachters, handelt mit und gegen die Fläche. Sie modelliert Körper und setzt Schatten und wechselt – seit den „Spacebabies“ – weiter ins Konkrete.

So waren im Kunstverein Schorndorf vor einem halben Jahr die „Breakout’s XL3“ ausgestellt, die sich auf Giftschutzanzüge beziehen und Malereien auf Pergamin sind, aufgehängt mit Abstand von der Wand, so dass Licht durch sie fällt. Infolge der Abnahme von Abklebungen im farbgetränkten Grund, sind aufgerichtete Monturen formatfüllend gegeben, die in ihrer Gesamtheit etwas von monumentalen Kriegern besitzen. Sie wirken bedrohlich, martialisch als Menge, obgleich die unterschiedlich farbige Umgebung sie als einzelne betont. Und damit wieder zurück auf die Malerei als „Abenteuer Ausdruck“ verweist, wie es Werner Meyer in seiner Schorndorfer Rede formuliert hat.

 

Und wie es weiter geht? Mögliche neue Arbeiten, im Atelier in Neuss zunächst mit Kohle und Pastellkreide erkundet, könnten weiter um das Geheimnis von Hüllen kreisen, welche noch die Spuren von Menschen zwischen Anwesenheit und Abwesenheit tragen, diese umfangen und vielleicht nur noch ihr Abdruck sind: Auch da geht es um Körper, Volumen und um den Raum, in dem all das passiert.

 

th

 

Die Arbeiten von Melanie Richter sind in einem gemeinsamen Ausstellungsprojekt mit Jinaun Kim vom 17. April bis 21 Mai in der Galerie T40, Rather Str. 66 zu sehen, Tel. 1684821. Im August folgen Einzelausstellungen im Kunstverein Grevenbroich und in der Städtischen Galerie der Stadt Kaarst.

 

Text: Thomas Hirsch

Foto: Andrea Zeitler
biograph Ausgabe April 2009
copyright by biograph Düsseldorf, Autor und Fotografin