Melanie Richter - Extra Vehicular Activity

Einführung Werner Meyer

Melanie Richter - Extra Vehicular Activity

Galerien für Kunst und Technik, Schorndorf

Kunstverein Schorndorf

Ausstellung 07.10.2008 – 15.11.2008, Eröffnung 05.10.2008

Einführung Werner Meyer

 

Diese Ausstellung zeigt im Wesentlichen zwei Werkgruppen von Melanie Richter, die auch eng zusammengehören. Bilder mit dem Titel „Spacebaby“ (Weltraumbaby) 2003/2004 und solche

mit dem Titel „Safetysuit“ (Schutzanzüge) 2007.

 

Beides sind Anzüge und Haltungen in denen der Mensch zu ahnen ist, aber eigentlich ganz verschwindet. Und diese kompakten Figuren sich in einem unendlichen Raum, der mit seiner Unendlichkeit und Orientierungslosigkeit und Schwerelosigkeit eigentlich woanders lebensfeindlich ist. Jetzt könnte man annehmen, Melanie Richter hätte sich an diesen Figurentypen, der Schwerelosigkeit etc. abgearbeitet als Motiv. Das ist die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte heißt: Eigentlich geht es um Malerei. Und was heißt Malerei? Farbe, ihre Leuchtkraft, ihre Materialität und  Pinselstrich; der Gestus ist wie ein Abtasten, wie ein plastisches Arbeiten, wie eine Handschrift. Was vergegenwärtigt Malerei, was ist der Erlebnischarakter, unser ästhetischer Genuss und Mehrwert, wenn wir die Bilder ansehen? Von der Künstlerin gesehen, das Abenteuer Ausdruck,

das in all den Möglichkeiten liegt.

 

Ich weiß, wie die `Spacebabies´ entstanden sind. Das hat mit der Maltechnik, mit der experimentellen Strategie des Malens bei Melanie Richter zu tun. So ein kreativer Brennpunkt

beim Malen ist, wenn sie auf die ungrundierte Leinwand Wachs aufträgt. Das schließt die Leinwand ab und Sie wissen: Wachs ist wasserabweisend. Wenn sie danach mit wasserlöslicher Acrylfarbe darüber malt, so dringt die in die Leinwand ein, nicht aber an den vorher mit Wachs geschlossenen Stellen. Wenn sie nacher das Wachs wieder herauslöst, bleiben weißgraue Leerstellen in dem Farbraum. Und die `Spacebabies´ wurden ursprünglich mal geboren aus diesen organisch fließenden Wachsformen, die Verteilung wie ein Körper, organisch.  Nur jetzt wird das vorgedacht. Melanie Richter malt jetzt solche Formen, daraus werden Körper, die Farben umschreiben den Körper wie Anzüge, die fließenden Formen schweben auf der Leinwand. Irgendwann ist das `Baby´ geboren, geformt hat seine hell leuchtende Erscheinung und dann bekommt es seinen Raum, den Farbraum. Melanie Richter malt diesen Farbraum buchstäblich in die Leinwand, von hinten und von vorne wird das Material durchdrungen von Farbe.

Und jetzt wird Ihnen meisterhaft ein weiteres Forschungsfeld vorgeführt: Form und Raum, Gegenstand und Hintergrund, wie eins vom anderen sich trennt und doch beide zusammengehören. Der Schwebezustand ist die Antwort, das Fliegen ist es, das alle Gebundenheit, vornehmlich die Schwerkraft aufhebt. Jedes dieser `Spacebabies´ schwebt oder fliegt anders – schon darin steckt eine Menge Ausdruckspotential. Jedes dieser `Spacebabies´ hat eine puttenhafte Proportion, man wird erinnert an diese barocken umherfliegenden Putti – aus dem christlichen Himmel ist eben nun der unendliche Raum des Universums geworden. Und spätestens seit den Bildern des Hubble-Weltraumteleskops stellen wir uns das Universum, den unendlichen Raum nicht mehr schwarz-weiß vor, sondern farbig mit ganz vielen Lichtquellen und farbigen Erscheinungen. Das Universum ist also ein Farbraum in dem unsere `Spacebabies´ fliegen, und sie selbst haben eine eigentümliche Leuchtkraft, die ihre körperliche Erscheinung überhöht, den Körper verdeckt und als Farbigkeit eine metaphysische Erscheinung ist. Diese Farben haben für Acrylfarben ein eigentümliches leuchten, als wenn die Körper nicht nur der Form, sondern auch diesem eigentümlichen Licht und Leuchten ihre Existenz verdanken.

Mir gefällt der Vergleich gut mit den Putti barocker Gemälde. So ein barockes Gemälde öffnet ja auch den Horizont in das christliche Universum. Da spielen die Putti mit allerlei christlichen Attributen. Aus dem christlichen Universum ist die Universalität des Farbraums geworden. Das hat mehr gemeinsam mit dem Universum, dem Weltraum, den uns das Hubble-Teleskop eröffnet. Die Putti stehen für eine Phantasie des Spielerischen, des Schwebenden und das ist nun in Weltraumanzügen verpackt – entstanden aus fließenden Formen, die so etwas wie menschliche Körper beinhalten können.

 


 

 

 

Aus dieser Serie entsteht 2007 eine weitere Serie, die `Safetysuits´, die Schutzanzüge.

In der Form könnte man erkennen, dass die `Spacebabies´ erwachsen geworden sind: gestreckter, andere Proportionen. Aus der Form und an den Titeln, wie beispielsweise „Alpha Ray“ oder „Gamma Ray“, können Sie folgern, dass es sich um Strahlenanzüge handelt. Mehr in der Farbe sich abspielend erkennen wir, dass sich an und in diesen Körpern, eigentlich auf ihrer Oberfläche viel mehr Malerei abspielt. Die Farbe, ihr Fluss, ihre Leuchtkraft, das ist das Eigentliche, in dem sich ihr So-Sein ausdrückt.

Melanie Richter und ich haben uns im Vorfeld dieser Ausstellung über die auffallend leuchtende und aggressive Farbigkeit unterhalten: einerseits schön bunt, aber auch grenzwertig. Wenn Melanie Richter Strahlenanzüge als Schutzschicht malt, dann hat dies mit der Farbigkeit zu tun, denn diese leuchtend bunten Farben können ziemlich giftig sein. Wir kennen das aus der Natur. Der Feuersalamander signalisiert mit seinem leuchtenden Gelb seinen Feinden: Vorsicht, ich bin giftig, mich fressen, einverleiben ist giftig, ungenießbar. Dasselbe kennen wir von extrem bunten Fischen; extrem bunt und farbig kann in der Natur häufig bedeuten: giftig, ungenießbar.

Wieder sind die Figuren, bis auf eine, in einem solchen merkwürdigen, unendlichen, zu erforschenden Farbuniversum schwebend dargestellt. In ihren Anzügen spiegelt sich, was Galaxien, Strahlungen, Lichtwirbel an Erscheinungen zu bieten haben. Das geschieht, wenn man Farbe fließen, sich bewegen lässt.

Die Figuren entstehen nicht durch photographische, illusionistische Wiedergabe, sondern sie werden lebendig im Spiel der Farben, das sich auf ihnen ereignet. Das passiert auf der Oberfläche der Leinwand, auf der Fläche der Form, dadurch wird sie plastisch.

Das ist die Energie die schön ist und gefährlich, wie alles schöne, wenn es zum metaphysischen Wahn wird. Schutzanzug, Farbe, Gefahr sind Stichworte – der Anzug, der das ganze Spektakel auf der Oberfläche hält, da ist kein Durchkommen in die Tiefe. Also sehen und erkennen wir auch die Oberfläche. Aber was sich da auf der Oberfläche tut ist des Hinsehens wert, und keine Sorge: die Gefahr ist in der Malerei gebannt.

Die Vorstellung des Schutzanzugs, der ja immer stark reflektiert, das heißt die Strahlung abwehrt, zurücksendet, ist Grundlage, Grundform für das Farbenspiel , das seinen ganz eigenen Gesetzen des Malens folgt. Das ist eine ganz andere Gegenwart von Malerei – plastisch, also der Farbraum, räumlich, in dem sich diese Figuren bewegen. Körperliche Malerei gegenüber räumlichem Licht. So kann man heute das malerische Problem von Figur und Grund darstellen, wie im Mittelalter der Goldgrund den metaphysischen Raum dargestellt hat gegenüber den physischen Körpern der diesseitigen Existenz der Heiligen.

 

Und dann haben wir da noch die Schutztruppe  „Breakout XL3“. `XL3´ bezeichnet auch einen tatsächlichen Schutzanzug, der dann Pate gestanden hat.

Immer wieder zeichnet Melanie Richter denselben Anzug: es ist immer das gleiche, nie dasselbe Bild. Diese Figur ist jedes Mal mit Klebstoff gezeichnet. Dann ist das Blatt in Farbe gebadet und gewaschen, der Farbe ausgesetzt, jedes Mal in anderer Kombination. Zuletzt wird der Klebstoff abgezogen und die Zeichnung bleibt wie eine Leerform weiß stehen.

Die Idee – Zeichnung, die Linien – ist den giftigen Farben ausgesetzt und bleibt doch unberührt, um sich am Ende in dem Farbregen zu behaupten. „Breakout“ nennt Melanie Richter die Serie, weil am Ende mit der Entfernung des Klebstoffes, die Zeichnung aus der Farbe herausgebrochen wird, und die Zeichnung, jetzt als weißes Negativ hat dem Farbregen, dem Positiv der Malerei, standgehalten. Stand hält die transparente Leerform der Zeichnung, der Linien, der Ideen, Der Vorstellung gegenüber der Macht der Farbe, ihres Flusses, ihrer metaphysischen Plastizität, ihrer raumgreifenden, giftigen Schönheit.

 

Und Malerei ist für Melanie Richter das Durchdringen einer Idee mit dem malerischen Experiment, mit dem nur bedingt beeinflussbaren und um so mehr experimentell zu erforschenden Fluss der Farbe. Es ist die Dialektik von Gegenstand und Raum im Bild, von Bild und Prozess. Das zu erleben hat mit unserer Phantasie zu tun, wie wir das, was wir sehen interpretieren, erleben. Dann erst bekommen die Erscheinungen Sinnlichkeit, Sinn, Bedeutung und werden Teil unserer Vorstellung, unserer Konstruktion von Wirklichkeit, die in unserer Wahrnehmung stattfindet, nicht einfach so ist. Das führt uns die Kunst, führen uns die Bilder von Melanie Richter eindrücklich vor.

 

                                                                                                   

Werner Meyer