Krimi und Bild

Vernissagerede zur Ausstellung Melanie Richter, Göppingen

Ihr Blick fällt auf den Tisch, auf dem ein zerknickter Kronkorken ohne Aufdruck liegt, lediglich ein paar Kratzer zeugen von der unsanften Verformung. Jemand hat wohl eine Flasche geöffnet und den Deckel weggeworfen. Aber warum zwei Gläser, er sagte doch, er habe den Abend alleine verbracht?

Die Krimifans unter Ihnen wissen, dass im Kriminalroman scheinbar alltägliche Dinge oft Hinweischarakter auf etwas anderes haben; nicht selten bringen sie den Ermittelnden auf die Spur des Täters und damit auf des Rätsels Lösung. Was aber hat dies mit dem vorliegenden Fall Melanie Richter zu tun, fragen Sie sich jetzt sicherlich zu Recht? Für die Künstlerin sind Flaschen zwar keine kriminalistischen Indizien, doch in ähnlicher Weise wie für eine Detektivin Aufmerksamkeit erregende Gegenstände, denen es nachzuspüren und die es zu interpretieren lohnt.

Seit 2003 widmet sich die ehemalige Meisterschülerin Dieter Kriegs, die hier in Göppingen geboren wurde und zunächst in Stuttgart und dann in Düsseldorf freie Kunst studierte, malerischen Erkundungen von handelsüblichen Flaschen und Gläsern.

In einfache, klare malerische Formen abstrahiert und zu einer schattenlosen Zweidimensionalität verflächigt, schweben „bottle liqueur“ (2003), „ bottle alcopop lemon“ (2004) und „glass mad malon“ (2005) überdimensioniert groß im luftleeren Raum. Die mit Wasser gefüllte „bottle H2O“ (2006) in vehementer Diagonallage vor dem leuchtend blauen Hintergrund scheint den Augenblick zu fixieren, in dem das Wasser unter Hochdruck an die Luft tritt, während sich die Tischgesellschaft in „glasses table red“ (2005) bereits aufgelöst hat und die halb geleerten Gläser von dem geselligen Beisammensein zeugen.

Das Besondere der „bottles and glasses“ ist, dass Melanie Richter industriell gereinigtes Wachs (Stearin) als Werkstoff verwendet. Bereits in früheren Werkreihen wie „Ectaplasma“ (2001) oder „Schnee“ (um 2000) legte sie dieses gleich einer Decke des Vergessens über die pastose Malerei. Nach dem Erkalten wurde das Wachs bei diesen frühen Arbeiten wieder entfernt, so dass Farbflächen förmlich herausbrachen und Leerstellen zurückblieben.

Zum augenblicklichen Zeitpunkt ihres künstlerischen Schaffens hat sich die Funktion des Wachses vom Tinten- bzw. „Farbenkiller“ zum Geburtshelfer der Form verwandelt. Besonders schön zu sehen ist dies beispielsweise in dem überdimensionierten „Stundenglas“ (2006). Dort hat das Wachs sozusagen die Funktion einer Umrisslinie inne.

In Arbeiten wie „Bottle Secco“ (2006) oder „bottle H2O“ (2006) übernimmt das Wachs darüber hinaus auch die Funktion einer „Vorzeichnung“, die die ursprüngliche Idee der Künstlerin auf der weißen Leinwand zunächst skizzenhaft fixiert. Die Imagination des Motivs, die Melanie Richter am Beginn eines Bildes bereits für einen kurzen Moment − als vage Ahnung − vor Augen schwebt, wird mit Wachs wie ein Engramm auf die weiße Leinwand aufgetragen und umreißt so das Energiefeld des abzubildenden Gegenstandes.

Der künstlerische Prozess der dann folgt, ist mit der Struktur des Kriminalromans vergleichbar, wie ihn Umberto Eco beschreibt: Bei beiden, bei Melanie Richter wie im Kriminalroman - geht es um das Vermuten, um das Abenteuer der Mutmaßung, um das Wagnis der Aufstellung von Hypothesen angesichts eines scheinbar unerklärlichen Tatbestandes, eines dunklen Sachverhalts oder mysteriösen Befundes. Wie die ermittelnde Detektivin geht auch Melanie Richter im künstlerischen Entstehungsprozess eines Bildes nach dem Trial-and- Error-Verfahren vor. Mittels Farbe versucht sie, sich der Erinnerungsspur aus Wachs anzunähern, und füllt dann schrittweise die Silhouette des Gegenstandes mit Farbschichten aus. Das Wachs wird unter Zuführung von Wärme mittels eines Föhnes teilweise wieder erhitzt, sodass es mitsamt der Farbe wieder verschwindet. Sie selbst beschreibt das Wegnehmen von Wachs mittels Hitze und das erneute Übermalen mit Farbe als ein „Erkunden des Unbekannten“, in dem das Bild im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder von einem Aggregatszustand in den nächsten verwandelt wird und auch der Zufall eine große Rolle spielt.

Dementsprechend unterschiedlich fallen ihre künstlerischen Lösungen aus. Zwischen Figuration und Abstraktion changierend, tendieren Richters Motive einmal in die eine, dann wieder in die andere Richtung. Körperlich-kompakten, mit pastosem, kraftvollem Farbauftrag ausgefüllten Gefäßen stehen Gläser gegenüber, die der kraftvollen Dynamik des Malprozesses nicht standhaltend und die sich im monochromen Farbraum aufzulösen scheinen. Von der „bottle secco“ (2006) beispielsweise sind nur noch Schlieren von Wachs übrig geblieben; die Materie scheint in visuelle gelbe Farbenergie entmaterialisiert. „Als Lebenshaltung ist dem Gelb ein tiefer Drang des Suchens und Forschens eingeboren, heisst es in der kabbalistischen Farbenlehre In unstillbarem Eifer sucht Gelb den Ursprung und Grund aller Dinge zu erkennen und in die Mysterien einzudringen. Sein Interesse gilt in gleicher Weise dem Licht wie auch dem Stoff. In beidem ahnt und sucht es die eine Wahrheit“. Die gelbe „bottle secco“ ist programmatisch für das künstlerische Wollen Melanie Richters, das als malerische Suche nach dem Wesentlichen sämtlicher Dinge umschrieben werden kann.

Neben den banalen Alltagsgegenständen geht Melanie Richter in ihrem Œuvre auch anderen Spuren des Wirklichen auf den Grund. In der Vergangenheit sicherte sie mit kriminalistischer Recherchelust sozusagen auch „Personenspuren“ und rekonstruierte den Hergang „historischer Unfälle“. So zitierte sie Ende der 1990er Jahren nach Abschluss ihrer Akademiezeit im Kunstbetrieb bekannte Persönlichkeiten wie Georg Baselitz oder Eugen Schönebeck, deren Figuren und Motive sie nicht ohne Ironie in dynamische Schwarzweiß-Malerei auflöste. Damals erhob sie in Werkgruppen wie „Opfer“ (um 1997) oder „Airbag“ (um 1997) auch bei Autounfällen tödlich verunglückte Tiere und Menschen zum Sujet ihrer Malerei.

Kehren wir jedoch zum aktuellen Tatort zurück. Besteht nicht eine weitere Schnittmenge zwischen Kunst und Kriminalistik darin, dass Melanie Richters „bottles und glasses“ entsprechend der Lehre der Forensik über sich hinausweisen und noch für etwas anderes stehen? Entsprechend dieser These ist ihre Malerei nicht nur Malerei „um der Malerei willen“, sondern hat darüber hinaus einen kulturellen Bedeutungsgehalt. Dieser besteht darin, dass sie die Beziehung zu den Dingen, die in unserer heutigen Industriegesellschaft meist einseitig auf Funktionalität ausgerichtet ist, aufrechterhält. Während sie in vorindustriellen Zeiten noch handgemacht waren und ihr Gebrauch in überlieferte Brauchtumsordnungen eingebunden schien, haben die heute meist industriell aus Kunststoff erzeugten Flaschen und Gläser ihre Individualität verloren. Indem die Künstlerin beispielsweise die millionenfach produzierte Pril-Flasche in ein künstlerisches Unikat zurückverwandelt, beschwört sie nicht nur in gewisser Weise den vormodernen Geist der Flasche sondern fordert zu einer neuen Sichtweise und Identifikation mit den Dingen heraus, die Kandinsky

Das Erleben der heimlichen Seele sämtlicher Dinge, nenne ich den inneren Blick: Dieser Blick geht durch die harte Hülle, durch die äußere Form zum Inneren der Dinge hindurch und lässts uns das innere Pulsieren der Dinge mit unseren sämtlichen Sinnen aufnehmen. So erzittert die tote Materie…Die inneren Stimmen der einzelnen Dinge klingen nicht isoliert, sondern alles zusammen wie Sphärenmusik.

Auf diese Art und Weise von Melanie Richter inspiriert, darf ich Sie herzlich einladen, sich sowohl den gemalten als auch den realen, hier von der Städtischen Galerie für Sie bereitsgestellten, Bottles und Glasses zuzuwenden.

Nicole Fritz

copyright by Nicole Fritz, Stuttgart