" Missionen ins Unbekannte" von Thomas Hirsch
"Körper und Raum - Die Düsseldorfer Malerin Melanie Richter"
Ausgabe August 2006

Missionen ins Unbekannte

In ihrer Malerei untersucht Melanie Richter in teils parallel laufenden Werkgruppen ihr Metier vermittels eines Gestus und anhand von Sujets, die nachhaltig in der Gegenwart zu verorten sind. Die Grundzüge dieses Programms - welches sinnliche Wahrnehmung und Unmittelbarkeit mit der Notwendigkeit distanznehmenden Abstands und einem zergliedernden Duktus zusammenführt – liegen frühzeitig vor. So weist Ende der neunziger Jahre die Werkgruppe der „Geier“ auf einen wesentlichen Aspekt des bildnerischen Verfahrens. Zu sehen ist der Schnabel als langgezogener grauer Strich, aus dem ein Körper inmitten gegenläufiger Farbbewegungen abzuleiten ist. Figur und Grund sind eins, der Betrachter muss für sich ein Verfahren der Annäherung entwickeln, um die Darstellung zu „begreifen“. Er tritt gewissermaßen in die Fußstapfen des Malers ...

Gemeinhin gelten Motive wie der Geier (im Gegensatz zum Adler), der Airbag, ein Baby oder das formlose „Nichts“ des Schnee als unattraktiv, sie scheinen banal, haben bildnerisch wenig herzugeben. Die traditionelle Erwartung an die Sujets wie auch Genres der Tafelmalerei wird unterlaufen. Ähnliches ließe sich zum vermeintlichen Verzicht auf Darstellung – als Schnee oder als leerer Um- bzw. Innenraum – sagen. Aussparung und Leerraum aber weisen ebenso wie die Visualisierung der malerischen Handlung auf den Sachverhalt, dass wir es hier mit Malerei, dem Auftrag von Farbe auf einen Bildträger zu tun haben. Der Faktor der Illusion – die Evokation eines Babys vermittels der Negativkonturen, die Vorstellung eines Astronauten im Weltraum – geht bei Melanie Richter nie ohne die Evidenz der Fläche einher, etwa auch wenn die Farben, die das All bedeuten, tatsächlich auf die Rückseite der Baumwoll-Leinwand aufgetragen sind.

Die „Spacebabys“ ähneln in ihrer Figürlichkeit den „Babys“ (ab 2000), in der Organisation des Raumes deutet sich eine Umkehr der (unbetitelten) „Schnee“-Bilder (2000/01) an. Bei dieser Werkgruppe hat Melanie Richter erst Stearin aufgetragen und später mit Hitze ausgetrieben. Die Farbe sparte indes die betroffene Leinwand aus, so dass eine milchige, negativ zu lesende Fläche entstand. Bei den „Spacebabys“ ist das Stearin als Kontur der Figur geblieben. Die Astronauten sind hervorgehoben, und der Umriß wird gewissermaßen zur Aureole: Die changierende, wie von reflektierendem Licht flammende Farbigkeit der Raumanzüge könnte tatsächlich an Sterne im All erinnern. Die Gegensetzung von (plastischem, definierten) Körper und (immateriellem) Raum wird noch betont, indem dieser stofflich in der Fläche verbleibt, gewissermaßen auf Abstand gehalten ist.

Im Hinblick auf diese Werkphase hat Melanie Richter das Verhalten von Körpern in Schwerelosigkeit studiert. Der freie Fall und das Schweben im Kosmos stehen zudem in den Traditionen der Kultur- und Kunstgeschichte, die sich jeweils aus ihrer Zeit heraus entwickelt haben, die vom Sturz des Ikarus hin zu Yves Klein und weiter reichen. - Einiges davon schwingt bei den „Spacebabys“ mit, die selbst konkret sind. Sie stellen aus verschiedenen Perspektiven Leiblichkeit dar; jede der astronautenartigen Figuren verhält sich eigen. „Im ruhenden Körper verbergen sich tausend Richtungen, ein ganzes System von Linien, die ihn zum Tanz bewegen“, schreibt Jacques Rivière in Bezug auf Nijinskys Choreographie zu Strawinsky (1913), aber grundlegend als Phänomenologie der Darstellung des Körpers. Die Skulptur – von der Laokoon-Gruppe bis Thomas Schüttes „Große Geister“ (um hier nur Beispiele zu nennen) – realisiert dies per se anders als die Malerei, etwa El Greco in seiner Laokoon-Darstellung in der National Gallery in Washington: Eine wesentliche Problemstellung in der Geschichte der Malerei betrifft das Verhältnis von Figur und Grund.

Melanie Richters „Spacebabys“ lösen sich dezidiert vom Bildgrund. Sie sind isoliert und haltlos, es gibt keine Verbindung. Eingefangen in einen verschließenden und verbergenden Anzug, befinden sie sich in schwerelosem Zustand gleichsam im Fall ins Nichts. Das erinnert an Szenen aus Science-Fiction-Filmen wie Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“. Ein Auslöser der Werkgruppe ist tatsächlich eine Katastrophe, die Columbia-Mission 2003, bei der die siebenköpfige Besatzung beim Eintritt in die Erdatmosphäre verunglückt ist. Die Koppelung von Technologie und Fortschritt mit der Ursprünglichkeit des Lebens trägt also in diesen – zeitgenössischen – Malereien kritisch nachdenkliche Züge. Weiterhin handeln diese Bilder vom (abenteuerlichen) Streben nach Unbekanntem, von einer Zeit- und Ortlosigkeit, in welcher der Suchende das Maß aller Dinge ist.

Ein einziges Mal bleibt die Leinwand um den Astronauten unberührt. Aber schon die Namensnennung im Titel weist auf Individuen. Souverän im bildnerischen Vortrag, in der Formulierung von Körperlichkeit sind diese Arbeiten immer wieder wie zum ersten Mal durch die Handlung mit Farbe gewonnen. Prozeßhaft – und nicht ohne subtilen Humor - erneuert sich die Malerei von Melanie Richter aus sich heraus.

Thomas Hirsch

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