Melanie Richters Safetysuits


Christian Malycha

Farbleuchten im Sperrgebiet der Bilder. Melanie Richters Safetysuits

Melanie Richter führt in ihrer safetysuit-Serie an ungesehene und befremdliche, zeit- und raumlose Bildorte. An diesen öffnen sich versehrte Farbgründe, von gestischer Witterung aufgewühlt oder verhängt von atmosphärisch dichten Bänken farbigen Nebels wie auf alpha ray. Es sind Orte ohne Natur, ohne erkennbares Oben oder Unten. Die Bildlandschaft besteht einzig aus den seltsam gleißenden Erscheinungen der Farbe. Keine Ursache findet sich für diese bildnerischen Anomalien. Es ist nicht auszumachen, ob es eine Naturkatastrophe, ein atomarer Störfall oder gar außerirdischer Einfluß wie bei dem mysteriösen Sperrgebiet in Andrej Tarkowskijs Film stalker von 1979 war.1

Wie am Rande jenes unerreichbaren und nur ’Zone’ genannten Gebiets befindet man sich vor Richters Bildern. Jedes ist eine restricted area, ein Sperrgebiet, innerhalb dessen sich ein weit aufgezogener Bildraum auftut. Jäh ist eine Gestalt in die wogenden Farbmassen geworfen. Von allen Seiten durch zerrende oder treibende Kontraste bedrängt, harrt sie in den Farbgewalten aus. Die Figuren schweben auf dem Farbfond und ähneln den tarkowskijschen stalkern – Scavengers (Plünderer), Trespassers (Eindringlinge), Adventurers (Abenteurer), Loner (Einzelgänger), Killer (Mörder), Explorer (Forscher) und Robber (Räuber) –, in ihrer fragilen Existenz aber auf jeden Fall Abenteurer.

Der Blick schweift entlang ihrer in sich versunkenen Haltungen in die farbig umhüllende Leere. Die Figuren scheinen eine eigene, sich pulsierend ausdehnende und wieder zusammenzuziehende Atmosphäre zu besitzen. Der auch ärgsten Außeneinflüssen standhaltende Schutzanzug – safetysuit –, diese “vermeintliche Körperhülle“ ist jedoch kein realer Schutz, sondern eine visuell konturierte Kapsel. Die Bilder selbst sind kontaminiert, birgt doch die Farbe die größten Gefahren. Die Figur auf fire hazard brennt trügerischer Weise selbst von innen her.

Aufgebracht steht man vor den Bildern und blickt allenthalben auf durch heimtückische Florkontraste verstrahlte Bildpläne, die zu unentwegt changierenden Projektionsflächen werden. In ihrem Zentrum – etwa auf ion ray in grellem Grün und sattem Violett – fände sich wohl Tarkowskijs “Raum der Wünsche“, wo die farbige Dissonanz sich harmonisch klärt. Richter reizt die Kontrastwirkung der Farbe aus, bis die Betrachtung an eine Grenze getrieben wird. Eine Grenze, an welcher die Farbe selbst zu einem räumlichen Phänomen wird, die Bildgründe sich fordernd wölben, umstülpen und fortwährend durchdringen. Einzelne Farbschichten werden transparent und leuchtend.

Und selbst wenn die Ebenen divergieren oder das Kontur zu zerlaufen und diffundieren droht, hält sie die gleichmäßige Behandlung des Bildganzen kompositional in Balance. Dass die Bilder in farbechtem Acryl ausgeführt sind, unterstreicht nachdrücklich ihre Strahlungskraft. Acryl als aggressive und unberechenbar schnelle Farbe eignet sich dabei vortrefflich für Richters teils heftigen und aufgebrochenen Strich in den Figuren, teils für den flüssig aufgeschwemmten Duktus in den Gründen.2

Als Betrachter ist man der vollen Farbdosis ausgesetzt. Die vorgebrachten Bedrohungen sind keine ’science fiction’, sondern erweisen sich als ’real faction’, bare Tatsachen. Tarkowskijs atomares Wetterleuchten vor Augen, ist man versucht, die “Naturgeschichte [...] als fortschreitende Zerstörung von Natur“3 anzusehen, welche den Menschen schließlich selbst angreift. Verstört bleibt man vor der strahlend sich wandelnden Farbe zurück, ganz so wie die in abgründiger Harmonie hängenden Gestalten. Doch gerade wo dies am ausgewogensten geschieht – auf gamma ray –, handelt es sich um die aggressivste Strahlung überhaupt, die jedwede Materie noch meterweit durchdringt. Mit kleinsten Lichtteilchen (photon rays) entfacht Melanie Richter ein Farbleuchten, das begehrlich geschaut, aber um keinen Preis selbst erfahren sein will – sei der safetysuit auch noch so bunt.


Anmerkungen

1 Siehe dazu auch Arkadi und Boris Strugazki “Picknick am Wegesrand. Utopische Erzählung“, Frankfurt am Main 2002.

2 Hat doch die Farbe ihren Namen vom spitzen oder scharfen – griechisch akroV – Geruch der Acrylsäure.

3 Bernd Kiefer ’Die unbegriffene Schnittstelle – Allegorische Landschaften bei Antonioni, Angelopoulos und Tarkowskij’‚ in “film-dienst“, Nr. 17, 57. Jahrgang, herausgegeben von Horst Peter Koll, Bonn 2004, S. 59.

copyright by Christian Malycha / Galerie Gerken, Berlin