Preview, Liste und Kunstsalon
Die Welt / Welt Online
zu den Kunstmessen Berlin 2007

6. Oktober 2007, 04:00 Uhr

Von Ernö Horvath

Angela und der Plakatmaler

Preview, Liste und Kunstsalon: Die Satelliten-Messen zum Art Forum Berlin feiern Erfolge

Die drei Satellitenmessen, die in der vergangenen Woche rund um das Berliner Art Forum stattfanden, hatten eine Gemeinsamkeit: Alle drei Messen fanden an einem neuen Standort statt. Der 4. Berliner Kunstsalon in einem 12 000 Quadratmeter umfassenden Gebäudekomplex, der 1926 von Jean Krämer erbaut und der zuletzt den Berliner Verkehrsbetrieben als Werkstatt gedient hatte. Im Hangar 2 des Flughafens Tempelhof startete die "Preview" und die "Berliner Liste" im ehemaligen Postgüterbahnhof am Berliner Gleisdreieck. Jeder Standort hatte durch sein eigenes unverwechselbares Flair einen entscheidenden und zugleich positiven Einfluss auf das optische Gesicht der Messen.

Die Großräumigkeit der BVG-Hallen bot den Ausstellern des Kunstsalons besonders großzügige Möglichkeiten. Weitflächige Installationen dominierten das Bild. Neben Galerien waren die Karl-Hofer-Stiftung und die Kunsthochschule Weißensee vertreten. Ein Knüller war H. N. Semjons Installation "Salon rouge: Gaiety" in der kleinen Spritzkabine. Fotos von nackten Jünglingen aus dem New York der 80er Jahre zog der Berliner Künstler (Baselitz-Schüler) groß auf und überpinselte sie mit Wachs. Präsentiert im schummrigen Rotlicht glaubte, man sich in der Amsterdamer Prinsengracht. Seine "Pornpaintings" kosten je nach Größe zwischen 900 und 11 000 Euro.

Die Galerie und Kunststiftung Poll präsentierte fünfzehn Künstler mit Werken aus den 70er und 80er Jahren. Damals jung und wild, zählen sie heute zu den Klassikern (K.H. Hoedicke "Turm der roten Trinker" 40 000 Euro). Mohnblüten, Schilfsamen, Brombeerstängel oder Teile von Zierkürbissen verarbeitet Amely Spötzl zu zauberhaften kleinen Kunstwerken (Galerie E 105, Bonn, 800 bis 5000 Euro). Junge Maler wie Fabian Seyd (Galerie Stefan Denninger, Berlin) und Vincent Wenzel (Kunsthochschule Weißensee, Galerie Brusberg , Berlin) fielen auf.

Auf den 4200 Quadratmetern Ausstellungsfläche, die den 57 Galerien der "Preview" zur Verfügung standen, bot sich ähnlich Reizvolles. Hier hatten alle Aussteller durch die gleich großen Kabinen die gleichen Bedingungen. Erfrischend der junge Schweizer Künstler Leopold Rabus mit seinen Vogelbildern und Installationen (Galerie Adler Frankfurt - New York, 2000 bis 14 000 Euro), Beeindruckend Torsten Brinkmanns fotografierte Selbstbildnisse, die von klassischen Sujets ausgehen und immer den Kopf verbergen (Kunstagenten, Berlin, 1200 bis 4200 Euro). Ebenso auffallend die Fotos des Bulgaren Kamen Stoyanow (Galerie Dana Charkasi, Wien, 2500 Euro) oder Antje Blumensteins Leuchtinstallation (Galerie Martin Mertens, Berlin, 4000 Euro). Echte Hingucker auch die lebensgroße, bunte "Mutti" des Schweden Richard Johansson (Galerie Hartwich Rügen, Sellin, 7200 Euro) das Porträt "Angel. A" - ja. ja es ist die Bundeskanzlerin - von Goetz Valien (loop, Berlin, 20 000 Euro). Der Künstler ist Berlins letzter Filmplakatmaler.

Die "Berliner Liste" war mit ihren 3200 Quadratmetern Ausstellungsfläche zwar die kleinste, stand aber den anderen in nichts nach. Bekanntes und Unbekanntes auch hier. So hatte der Galerist Andreas Baumgartl aus München zwei Klassiker der Fotografie, Helmut Newton und Bert Stern (Fotos jeweils 4800 Euro), im Gepäck. Die Düsseldorfer Galerie T 40 hatte zwei farbenprächtige Bilder aus der Serie "Spacebabies" der jungen Malerin Melanie Richter im Angebot (7100 Euro) - eine der wenigen künstlerischen Auseinandersetzungen mit der Raumfahrt, und eine, die existenzielle Ängste formuliert.

Ins Auge stechend die Installation des polnischen Künstlers Leszek Knaflewski bei der Galerie Piekary aus Posznan. Eine lebensgroße Figur mit schwarzem Mantel, Stahlhelm, Brille und geschulterter MP stand bedrohlich im Raum. Bei genauerem Hinsehen entpuppt er sich als Figur im Priestergewand: Ein christlicher Gotteskrieger. Dazu gehören sieben Leuchtkästen mit Fotos, auf denen sich Knaflewski in diesem Gewande selbst inszeniert hat. "Killing me softly", gleichsam als heiliger Krieger. Die Skulptur gab es für 10 000 Euro, die Leuchtkästen kosteten je 4500 Euro.

White trash contemporary aus Hamburg zeigte Eva und Adeles Reiseerinnerungen, ein Video, golden übermalte Fotos und von der Decke herabhängende rosa Schirmchen, die auf den Reisen dabei waren und Historie akkumuliert haben. (Schirme 22 000 Euro, Video 3000 Euro, Fotos je 5000 Euro). Wirklich trashig.

Resümee: Wer gut zu Fuß war und den Überblick behielt, für den waren die drei "kleinen" Messen weit mehr als nur eine Ergänzung zum Art Forum. Neuentdeckungen gab es in Hülle und Fülle, insgesamt gab es Licht und Schatten im steten Wechsel. Voll normal.

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