Melanie Richter - neu
Pressetext Ausstellung `neu´
von Adolf H. Kerkhoff - Auszug
Galerie Klinkhammer&Metzner, 2002
Melanie Richter – neu –

...Es ist zunächst weniger wichtig, ob sie für diese Malerei eine oder mehrere Farben verwendet, wichtiger ist die Fläche des Bildes, die das Wachs „freihält“. ...

3. Die Listen des Wachses und die Sinnen der Farben
Wo nun ist Rettung, ist Zuflucht? In der Farbe! Denn das Loch ist ja bekanntermaßen etwas das sich (nur) über seinen Rand definiert. Dieser Rand ist in den eher einfarbigen Bildern von Melanie Richter die Silhouette (...) (dazu gehören außer der Werkgruppe -Schnee- auch die Werkgruppen -Baby-, -Buchstabe-) in den vielfarbigen, also auch in den -Schnee-Bildern ist es die malerische Behauptung.
Das Raffinement dieser Gemälde besteht gerade darin, dass sich die Erscheinung des visualisierten Nichts als `schmutziger Schnee´ und die Erscheinung der Welt als `Zweige´ wechselseitig behaupten. Diese Behauptung aber ist eine der Malerei, keine der Realität: (...) Auch der Hintergrund der Zweige, also die monochrom bis chanchierende Umgebungsfarbe, behauptet Malerei, nicht Wald. Die Schwere der Realität von Schneematsch und Nadelordnung wird in der Verkörperung von Wachs und Farben malerisch erleichtert. Zu dieser Erleichterung trägt nicht unwesentlich der technische Umstand bei, dass diese Bilder zumeist nicht auf Keilrahmen aufgezogen sondern an der Vorderseite des Rahmens befestigt sind. Sie hängen also vor dem Rahmen und können wie wollen dessen Wuchtigkeit nicht für ihre Wichtigkeit (mit-) benutzen. Versuchen wir uns das Wachs (den Schnee) auf den Bildern wegzudenken so ersticken, oder : ertrinken sie in Farben - umgekehrt würde mit den Farben auch die Welt aus den Bildern verschwinden. So ist es also der `Geist des Wachses´ , der in der Leere haust, der im `visuellen Rauschen´ am deutlichsten in Erscheinung tritt und der die Bilder von Melanie Richter in der malerischen Schwebe hält.
Wie es sich für einen richtigen Geist gehört, kann dieser Geist jede beliebige Form annehmen (...) nimmt häufig und nicht ganz zufällig, sondern alraunenhaft bereits die zweite Erscheinungsform an, die der Silhouette eines mehr oder weniger menschlichen Wesens (in der Werkgruppe -Baby-). Die dritte Erscheinungsform ist annähernd die des Buchstabens - aber sie ist gerade nicht literarisch: es handelt sich nicht um sogenannte visuelle Poesie, sondern um ein kompliziertes Spiel von Form, Zeichen und (manchmal) symbolischem Ausgang. Die Form des Buchstabens wird zum Zeichen im Moment seiner Wahrnehmung und kann zum Symbol werden durch Übergang des Sinnes in einen anderen Kontext hinein (so in der Werkgruppe -Buchstabe-).
Die vierte und letzte Erscheinungsform des Geistes ist nicht, wie man meinen sollte, die des Schnees, sondern die des Loches, wie wir gesehen haben (in der Werkgruppe -Schnee-). Am Rand dieses Loches balanciert die Malerei von Melanie Richter und es ist ihrer künstlerischen Kraft zu verdanken, dass sie nicht -ins Nichts- abstürzt.
Adolf H. Kerkhoff

©Adolf H. Kerkhoff, Bottrop / Galerie Klinkhammer&Metzner
In: Melanie Richter - Schnee, Opfer
Hsg. H. Müller, Edition Hospitalhof Stuttgart, Stuttgart 2001
Druckerei Engelhard&Bauer