Genese
Eröffnungsrede zu Melanie Richter - GENESE,
Galerie Knecht und Burster, Karlsruhe
30.04.2016

Melanie Richter – Genese
Vernissage am 30. April 2016, 19h00, Galerie Knecht und Burster von Dr. Chris Gerbing, Karlsruhe

-Es gilt das gesprochene Wort -
Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Melanie,
es ist schon wieder mehr als vier Jahre her, dass ich Melanie Richter hier in der Galerie mit ihren damals neuesten Arbeiten kennenlernte. Damals zeigten Alfred Knecht und Rita Burster sie in einer Doppelausstellung zusammen mit Ivan Baschang, und Melanie brachte ihre großformatigen Kandelaber mit, bei denen das Stearin auch motivisch eine Rolle spielte. Zwischenzeitlich hat sie sich dem menschlichen Skelett, dem Spiegel und der Glocke gewidmet und ist nun bei den Gestirnen angelangt. Wobei man durchaus die Behauptung aufstellen kann, dass sich ihre Motive – auch wenn die Themen auf den ersten Blick weit auseinander zu liegen scheinen – doch in ihrem Im-Raum-Schweben, durch das Entrückte, das ihnen zu eigen ist, thematisch sehr nahe sind, es einen konsequenten Weg aufs Universum, das „große Ganze“ zu bemerken gibt.

„Genese“ hat die ursprünglich aus Göppingen stammende, in Düsseldorf lebende Künstlerin Melanie Richter ihre Ausstellung betitelt, die wir heute Abend eröffnen. Ein Wort, das aus dem Griechischen kommt und so viel wie „Geburt, Ursprung, Entstehung“ bedeutet. Sie alle kennen das Wort auch als „Genesis“, das 1. Buch Mose – derselbe Wortstamm, dieselbe Bedeutung, was dann mit den Anfangsworten „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ nochmals verdeutlicht wird. Die „Genesis“ umschreibt entsprechend die Erschaffung der Welt, wobei Melanie Richter vom Urknall bis zum Blauen Planeten in ihrer Serie Celestial Body die ganze Bandbreite der Entstehung und des Werdens der Welt quasi aus der Vogelperspektive, aus großer Distanz, nämlich aus dem Weltall betrachtet. Insofern könnte der Titel „Genese“ nicht trefflicher gewählt sein. Das Im-Raum-Schweben ist in ihren neuesten Serien nach Space Baby wieder genuin dem Motiv zuzuordnen, verweist aufs All und die in ihm befindlichen Planeten und Kometen.

Interessant finde ich allerdings, dass es gar nicht so viele zeitgenössische Künstler gibt, die sich mit dem Weltall beschäftigen. Im ZKM in der Ausstellung „New Sensorium“ bereichert die japanische Künstlerin Sputniko dieses Thema mit ihrem 2013 gedrehten Videoclip „Moonwalk Machine – Selena‘s Step“ mit einer witzig-feministischen Sicht auf den ersten Schritt des Menschen auf dem Mond. Blickt man in die arrivierte Kunst, ist Thomas Ruff zu nennen, der, Melanie Richter vergleichbar, für seine Sternenbildern Forschungsdaten der NASA für die Herstellung seiner Fotografien verwendet. Aber während Ruff sein Augenmerk weg von der reinen Fotografie hin zu technischem Können und der Aneignung von Bildern lenkt, die er zumeist nicht mehr selbst produziert, sondern sie künstlerisch weiterdenkt, nimmt Melanie Richter die ihr von ESA und NASA zur Verfügung gestellten Informationen, d.h. „oft neueste Daten und Erkenntnisse, auch was die Materialforschung betrifft,“ um daraus ihre Kunstwerke zu kreieren. Und natürlich sind im Zusammenhang mit der künstlerischen Entdeckung des Weltalls auch die ZERO-Künstler der 60er Jahre zu nennen: Otto Piene mit seiner Blue Planet-Serie, Günter Uecker mit einer gleichnamigen Grafik, Heinz Macks Sahara-Projekt, bei dem er im glitzerigen Weltraum-Anzug durch die Wüste stapfte, oder Yves Klein, dessen patentiertes International Klein Blue durch die Verwendung reiner Pigmente eine Präsenz hat, die sich Melanie Richter ebenfalls zunutze macht. Aber diese Künstler vereinte eher der Blick in den Himmel bzw. der Blick aus dem Weltall auf die Erde, den „Blauen Planeten“ – es sind eben nicht die Himmelskörper selbst, die in den
künstlerischen Fokus genommen werden. Die tauchen dagegen eher in den oft verkitschten Science Fiction-Spritzpistolen-Arbeiten von Illustratoren auf (Melanie meinte dieser Tage noch dazu mir gegenüber, „space art … gibt es zu Hauf, bloß nicht googeln, da wird’s einem schlecht“ – dem stimme ich unumwunden zu!), so dass ich Melanie Richters Arbeiten als eine ganz eigene Position bezeichnen möchte. Sie lenkt den Blick auf Gesteinsformationen, die sich – im Fall der Planeten – in der Umlaufbahn der Sonne bewegen, annähernd rund sind und über ein Gravitationsfeld verfügen. Dazu zählt natürlich auch die Erde, die Melanie Richter als „blauen Planeten“ ganz offensichtlich portraitiert. In der anderen Bild-Serie innerhalb Celestial Body zeigt sie uns Kometen. Die haben allerdings ihren charakteristischen Schweif – abgeworfen? verloren? – und präsentieren sich damit als fast schon bedrohlichen Konterpart. Denn einerseits schweben sie im Farbraum, andererseits ist natürlich ein Zusammenprall mit der Erde mit großen Risiken für das auf ihr befindliche Leben verbunden, der vermutlich ein Massensterben auslösen würde. Aber auch die Planeten können bei Melanie Richter verglühen, scheinen ein letztes Aufbäumen im Kosmos ebenfalls zu beinhalten, wie die Kometen zu kristallartigen Strukturen mutieren können.

In dem auf
www.perisphere-portrait.de veröffentlichten Kurzportrait von Melanie Richter sagt sie selbst, schon ganz früh hätten sie „die Fragen des Daseins und der Seinsformen, vom Werden bis zum Verwesen und zum Neuentstehen interessiert. Das geht auch einher mit Wahrnehmungsfragen. Dem bin ich auch in dem Sinn von ,was ist möglich damit, kann ich damit auch Neues schaffen?‘ nachgegangen.“ Passend dazu hat sie sich von einem Wesensmerkmal ihrer Arbeiten – zumindest temporär – verabschiedet: Seit Mitte der 90er Jahre arbeitete sie mit Stearin, das sie zunächst auf die nicht grundierte Leinwand auftrug, um es anschließend wieder auszubrennen, was ihren Kunstwerken einen ganz eigenen Charakter gab. Es produziere, so Adolf H. Kerkhoff in einem 2001 erschienenen Ausstellungskatalog, ein „visuelles Rauschen“, das ihre Arbeiten „in der malerischen Schwebe hält.“

Es ist in den Glockenbildern im hintersten Raum der Galerie noch nachvollziehbar. Auch sie schweben, darin den „Planeten“ und den „Kometen“ vergleichbar, im Farbraum. Betrachtet man die Glockenserie in Zusammenhang mit den Serien der „Kandelaber“ und „Skelette“ wird deutlich, dass Melanie Richter noch eine weitere, universelle Ebene einbindet. Um es mit ihren eigenen Worten zu sagen: „Entstehung, Vergehen und Wandel – woher kommen wir, wohin gehen wir – was ist, bedeutet oder beinhaltet das Sein – wann bin ich, wann sind wir – in welchem Zustand befinden wir uns – Wahrnehmung – visuelles Denken.“ Damit spricht Melanie Richter implizit das räumliche Denken an, das „Synthese, ein intuitives Verstehen komplexer Systeme […], Verwendung von Fantasie und Erzeugung neuer Ideen durch Kombination vorhandener Tatsachen auf neue Weise“ – das sogenannte kreative Denken – umschreibt. Beeinflusst wird es durch die Visualisierung von Bildern und einem Bewusstsein für den Raum, der uns umgibt und den wir in den Bildern von Melanie Richter greifbar spüren, den sie erfahrbar macht durch das freie Flottieren ihrer Objekte in einem nicht greifbaren, unendlichen Farbraum.

An einem anderen Aspekt, der die Farbgewaltigkeit ihrer Arbeiten ausmacht, hat sie entsprechend nicht ganz von ungefähr dagegen festgehalten: Ihre Planeten-Bilder, von denen Sie hier umgeben sind, sind überwiegend mit reinem Pigment bzw. Pigmentstaub gemalt; bei den Kometen-Bildern, die Sie im ersten der beiden hinteren Galerieräume finden, verwendet sie zusätzlich reine, intensiv konzentrierte Acrylfarbe. Auch in diesen Arbeiten ist die Bildoberfläche leicht reliefhaft. Während dieser Aspekt aber früher dem spezifischen Einsatz des Stearins geschuldet war, das durch das Ausbrennen Leerstellen hinterließ, entsteht in ihren neuen Arbeiten die Körperlichkeit durch Verdichtung. Ich finde, dass dieser Umstand ganz hervorragend zum Motiv passt, denn das Weltall entstand der Urknall-Theorie zufolge
ja in einem Moment mit unendlicher Energiedichte. – Dem Thema Verdichtung begegnen wir im Alltag allerdings eher im Auto-Motor-Sport-Bereich, seit geraumer Zeit auch in Zusammenhang mit der Datenkomprimierung in der IT, in der Medizin als notfallmedizinische Maßnahme zur Blutstillung wie als Verband oder als Thema des Städtebaus, innerhalb dessen insbesondere die Nachverdichtung aktuell ein großes Thema ist. Im Kontext der Kunstwerke von Melanie Richter finde ich eine Äußerung des französischen Dichters Francis Ponge besonders bemerkenswert. In seinem Text „Parteinahme für die Dinge“ spricht er sich dafür aus, die Dingwelt zum Sprechen zu bringen und sie dafür zu präzisieren, sie verbal zu verdichten. Es ist ein zähes Ringen um die richtige Distanz, die der Annäherung an den ausgewählten Gegenstand vorangeht. Ponges „Einführung in den Kieselstein“ könnte man problemlos auch auf Melanie Richters Kometen und Planeten übertragen, wenn man das Wort „Kieselstein“ gegen „Planet“ austauscht (und ich zitiere mit Einwürfen zu Melanie Richter Francis Ponge): „Es ist gar nicht leicht, den Kieselstein (also den Planeten) richtig zu definieren. – Begnügt man sich mit einer einfachen Beschreibung, so kann man zunächst sagen, dass es sich bei ihm um eine Form oder einen Zustand zwischen Fels und Kiesel handelt (was der felsartigen Struktur der Richter’schen Planeten ja durchaus entspricht). – Aber schon diese Äußerung impliziert einen Begriff Stein, der gerechtfertigt werden muss. Man mache mir keine Vorhaltungen, ich ginge in dieser Angelegenheit noch weiter zurück als bis zur Sintflut (hier: bis zum Urknall).“ Geht man zurück zu den Dingen, versucht, das Wesen der Dinge zu erfassen und sie zum Sprechen zu bringen, landet man bei Melanie Richter in einem ebenso schwebenden Zustand, wie jenem, der die von ihr dargestellten Objekte umgibt. Das passt gerade zu den Planeten und Kometen auch motivisch, schließt aber gleichzeitig auch an die Serie der Space Babys an – die vielmehr an Raumfahrer en miniature erinnern, die in der Weltraumkapsel in ihren schweren Anzügen schweben.

 
Hier wird aber auch deutlich, dass Melanie Richter immer wieder auf Teilaspekte ihres Werks zurückgreift: Die Space Babys floaten vergleichbar der Schwerelosigkeit im Mutterleib im Farbraum – dieses Thema nimmt sie in der Bones-Serie auf, denn ein Teil der Skelette sitzt sehr lebendig, krümmt sich vor allem aber fast in Embryonalhaltung und macht damit auf Anfang und Ende des menschlichen Lebens aufmerksam, der wiederum einbeschrieben ist in den kosmischen Kreislauf. Bei der Werkgruppe der Kandelaber rückt das Thema Bild – Abbild – Realität im Anschluss an ihre 2008 entstandenen Serien der Bottles I/ II, der Glasses I/II und der Bottles in Space von 2006 stärker in den Vordergrund als in der Zwischenzeit. Gerade ihre Leuchter wirken, als wären sie in voller Benutzung. Ein Umstand, den Melanie Richter erzeugt durch das Aufbringen, Erhitzen und anschließende Ausbrennen des Stearins, wodurch der Eindruck erzeugt wird, durch einen heftigen Luftzug würde das heiße Wachs immer noch tropfen. Surreal (und damit ein wenig mit den schwebenden Kerzen zu vergleichen, die in den Harry Potter-Filmen bei den großen Festen den Hogwarts-Speisesaal illuminieren) wird die Szenerie dadurch, dass Melanie Richters Kerzen gar nicht brennen. Anstelle der Flammen sehen wir den letzten, sich kräuselnden Rauch der soeben erloschenen Kerze – unsere Assoziation wird also durch die dem Gemälde implementierte Bewegung fehlgeleitet.

 

Erhellend für Melanie Richters besonderen Umgang mit der uns umgebenden Realität finde ich die eine Arbeit, die unter der Rubrik „Bildzitat“ neben dem Duchamp’schen Pissoir und weiteren, weniger bekannten Signet-Werken, die sie zitiert, sich mit ihnen künstlerisch auseinandersetzt, auf ihrer Webseite eingestellt ist: Eimer, ein Bildzitat von Dieter Krieg. Das „Bildzitat“ ist dabei wörtlich gemeint, denn Krieg verwendete das Motiv einige Male selbst. Allerdings erzählt er in den Eimer-Gemälden, die in den 1980er Jahren entstanden sind, eine Geschichte, bringt trotz der Nahsicht eine erzählerische Komponente ins Bild, die bei Melanie Richter (die bei ihm studierte, seine Meisterschülerin war) fehlt.
Vielmehr wirkt der Eimer bei ihr porös und durchlässig, was in deutlichem Kontrast zu seiner Funktion steht und im übertragenen Sinn auch als eine Befreiung vom Lehrer gedeutet werden mag. Aber auch die Glocke, die Melanie Richter in drei Acryl-Gemälden zeigt, ist ein Motiv, das bei Dieter Krieg zu finden ist. Während seine Glocken in kräftiger Bewegung sind, man fast den Glockenton erahnt, die Lautstärke über das Ausschwingen zu spüren scheint, ist zumindest im Vergleich zu Kriegs Glockenbildern die Bewegung bei Melanie Richter (ich möchte fast sagen) zarter, verhaltener, weicher. Ob dabei noch ein Ton zu hören ist, ist eher fraglich. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass der Klöppel bei der nur leichten Bewegung gar nicht an den Glockenrand heranreicht, somit kein Ton erzeugt wird, die Glocke nur zart im Farbraum schwingt. Mit dem sie auf dem hellsten der drei Gemälde zu verschmelzen scheint – was wiederum zum hier aufgebrachten Stearin passt.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren, es ist kein Querschnitt durch das Werk von Melanie Richter, der Sie in den Galerieräumen erwartet, keine Retrospektive, die ihre Entwicklung von einem Punkt ausgehend hin zu etwas erzählen würde. „Genese“ ist für mich eher im Wortsinn als Prozess zu verstehen, bei dem nach Entstehung und Entwicklung von Erkenntnissen gefragt werden darf. Es sind, wie der Bildhauer Ekkehard Panek unlängst über ihre Arbeiten meinte, „zeit- und raumlose Bildorte“, die Melanie Richter mit ihren Kunstwerken schafft, die eine „Bildlandschaft“ einzig aus den „seltsam gleißenden Erscheinungen der Farbe“ entstehen lassen. Und dennoch sind ihre Bilder, um mit Erwin Panofsky zu sprechen, auch „Fenster“, die sich gleichermaßen ins Bild, aber auch in die wirkliche Welt öffnen. „Der Ort des Sichöffnens ist das Bild. Ohne das, das Sichöffnen vermittelnde Fenster könnte die Bildwelt überhaupt nicht sein,….“ Melanie Richter lenkte aber selbst meinen Blick noch auf einen ganz anderen Aspekt, der ebenfalls das Fenstermotiv aufnimmt: Auf David Bowies letztes Album Blackstar und sein nur zwei Tage vor seinem Tod veröffentlichtes Musikvideo Lazarus, in dem er mehr als einmal den Blick auf den Himmel als seinen jetzigen Aufenthaltsort lenkt. Schwarze Sonne (hier im Raum zu sehen), fliegendes Skelett und Kerze (beide leider in dieser Ausstellung nicht vertreten) – diese Motive verwendet auch Melanie Richter in ihren Kunstwerken. Nur den Kometen verwendete Bowie nicht, „das war er selbst“, schrieb mir Melanie augenzwinkernd in ihrer letzten Mail.

 

Meine Damen und Herren, bei ihren eigenen kosmischen (oder doch ganz irdischen) Begegnungen mit den Gemälden, den Motiven und dem überwältigenden Farbraum von Melanie Richter wünsche ich Ihnen nun die nötige Leichtigkeit, um das Im-Raum-Schweben ins Hier und Jetzt zu übertragen. Setzen Sie sich der Farbgewalt ihrer Bilder, dem Sog der „Planeten“ und „Kometen“ aus, tauchen Sie in den bodenlosen, kraftvollen Farbraum der Arbeiten von Melanie Richter ein. Ich wünsche Ihnen spannende Erlebnisse dabei! Vielen Dank!

© Dr. Chris Gerbing, Karlsruhe www.chrisgerbing.de

 

 

 

 

 

 

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