Spaziergang in der Krypta
Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Melanie Richter auf Schloss Randegg

Spaziergang in der Krypta

Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Melanie Richter
Dr. Stefan Borchardt

 

Schön, dass Sie (...) der Einladung zu diesem Spaziergang durch die Krypta gefolgt sind.

Dass sich dieser Spaziergang ziemlich von dem, was damit gemeinhin verbunden wird, unterscheidet, ist Ihnen sicher schon klar gewesen, bevor ich Sie jetzt darauf hingewiesen habe, da Sie ja wissen, dass Sie eine Kunstausstellung besuchen. Vor dem Sonntagsspaziergang hören Sie sich sicher kaum Vorträge zu dem Gelände an, in dem Sie sich ergehen. Und normalerweise geht man bei einem Spaziergang ja auch hinaus ins Freie, Helle und Weite nicht in einen geschlossenen, ja mitunter geradezu engen und dunklen Innenraum, wie wir ihn von vielen Krypten kennen. Und eine Krypta ist auch gemeinhin kein Ort zum herumspazieren, sondern ein mit Funktionen und Bedeutung geladener sakraler Raum.

So steckt in dem so leicht daherkommenden Titel der Ausstellung eine Eigenart, die sich in meinen Augen auch in den hier ausgestellten Werken von Melanie Richter ausmachen lässt. Ein Schimmern und Oszillieren zwischen dem Leichten und dem Schweren, zwischen Gelassenheit und Anstrengung, zwischen dem Heiteren und dem Ernsten, dem Augenblicklichen und dem Beharrenden.

Wie ich darauf komme, wird sich Ihnen vielleicht erschließen, wenn Sie den Rundgang durchs Haus machen. Zunächst können Sie feststellen, dass es in dieser Ausstellung unterschiedliche Motivgruppen gibt, deren Darstellungsweise durchgehende Gemeinsamkeiten aufweist. Sie sehen als Gegenstände etwa Kerzenleuchter – meist Kandelaber - oder Spiegel, Sie sehen menschliche Figuren bzw. Teile von menschlichen Figuren, vor allem Skelette und Knochenglieder. Allesamt sind als einzelne Gegenstände isoliert ins Bild gesetzt, scheinen beziehungslos für sich zu stehen. Dieses Prinzip allerdings lässt den Betrachter umso mehr den Blick auf die teilweise komplexe Vielfältigkeit dieser Dinge an sich lenken. Zu sehen, wie aus einem Leuchterständer mehrere Arme herauswachsen und viele scheinbar so gleiche Kerzen tragen, wie hier mit malerischen Gesten ein Körperskelett aus dem funktionalen Formenreichtum von Knochen entwickelt wird. Gemeinsam ist allen auch, dass diese Motive aus einem mehr oder weniger dunklem und farblich differenzierten Grund aufscheinen – ein Grund, der sich beim Betrachten bald suggestiv zum Raum verwandelt, in dem die Objekte zu, stehen, schweben, schwimmen oder treiben scheinen.

 

Kandelaber mit Kerzen

Leuchter: Thema ist u.a. Licht

Diese Kandelaber und Kerzen leuchten zumeist aus dem dunklen Grund hervor – allerdings – wie man vielleicht erst auf den zweiten Blick bemerkt – ohne dass die Kerze brennen, also ihr Licht dazu geben würde.

Das Licht des Bildes braucht nicht das illustrierende Licht der Kerze, denn es bezieht das Licht aus seinem eigenen Medium, nämlich der Malfarbe.


Space Skelette

+ Figuren schweben und treiben im Raum.

+ Intensive Leuchtfarbigkeit, Neonfarben, die so was wie Strahlung assoziieren lassen.

+ Anmutung als wären sie von Röntgen- oder Radiostrahlen durchdrungen.

+ Das weiche Fleisch der Figuren erscheint nur noch als diaphane Aura des zwischen Totem und Lebendigem treibenden Skeletts.

+ Haben ein fast gas-artiges Escheinungsbild

+ Es scheint, die verdrehten Figuren bewegen sich zwischen dem Versuch der Kontrolle und der   Erfahrung des Ausgeliefertseins.

 

Skelette und Knochen in der Krypta

+ zwei in Kerzenständer verwandelt, spazieren durch die Krypta.

 

Bilder als „reine Malerei“

+ Verhältnis von Gegenständen zu Fläche und Raum – permanentes Oszillieren in der Wahrnehmung zwischen beiden.

+ bildnerisch durchgehende Eigenschaft der Gemälde: stetes Bewegen zwischen präziser Formdarstellung und Modellierung des Gegenstandes und vollkommen freiem, gestischen,  manchmal informell wirkenden Farbgestus.

z.B. Kerzenständer! Teilweise illlusionistisch aus Abstand, aus Nähe reines formloses Fließen.

+ ebenso der Kippeffekt zwischen der Wahrnehmung des gemalten als einem erkennbaren Gegenstand mit möglichen Bedeutungen einerseits und anderseits seiner Gestaltung aus reiner Malerei.

+ Es ist Malerei als Malerei – aber eine die beim Gegenstand bleibt.

+ Sie kann in dieser Form auch als Anspielung auf historische Malweisen und Kunstrichtungen gesehen werden (Informel, abstrakter Expressionismus etc.)

+ Und von hier aus zeigt sich auch ein Aspekt, der die hier gewählten Gegenstände für dieses Prinzip besonders geeignet macht:

+ Sie sind gemeinhin bekannt, in unserer Kultur universell. Sie sind in ihrer Bedeutung nicht zu eng besetzt, sondern haben ein weites Bedeutungsspektrum, was sie nicht genau auf eine Botschaft festlegt. Dennoch kommt von dieser Seite noch etwas hinein, was die Vielschichtigkeit dieser Bilder noch einmal verstärkt:

 

Kulturgeschichtlicher Aspekt der Motive

Die brennende Kerze ist ein Sinnbild für Materie und Geist, die Flamme steht für die menschliche Seele, ihr Verlöschen für den Tod.

Kerzen und Spiegel gehören wie Schädel, Knochen und Skelette zu den Motiven der

Vanitas – Vergänglichkeitssymbolik in der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte.

Immer wieder thematisiert. Ganzes Spetkrum zwischen Hochkunst, Populärkultur und Trash – von den mittelalterlichen Totentänzen, den barocken Vanitas-Darstellungen über die Schwarze Romantik hin zu Grusel und Horror, zum Gothic-Revival und ähnlichen Dingen.

Alles dies kann assoziiert werden, ohne dass die Künstlerin dem Betrachter in dieser Hinsicht eine Vorgabe macht. Sie lässt ihn darin vollkommen frei. Doch damit ist noch mal auf ein weiteres tragendes Motiv für diese Bilder zu kommen:

 

Die Zeit!

+ Zeit der Geschichte, der Kulturgeschichte und damit der Geschichte der Bedeutung der gewählten Motive. Man könnte sagen, diese Zeitschichten sind in den Bildmotiven hier aufgehoben.

+ Zeit des Malens ; bei Melanie Richter bildet ein wesentlicher Teil des fertigen Bildes die Sichtbarkeit des Malprozesses! Die Übermalungen und Farbschichtungen sind für den Betrachter bei genauerem Hinsehen erfahrbar.

Allerdings kommt hier eine Besonderheit rein, die noch einmal die Krypta ins Spiel bringt:

+ Krypta = aus dem Griechischen: Verborgen – das nicht Sichtbare.

+ Ihre Malweise besteht im Überlagern, Verdecken von schon Gestaltetem, die oberen Schichten werden teilweise wieder entfernt und das bis dahin darunter Verborgene kommt wieder – und teilweise sehr verändert – zum Vorschein.

+ es ist im körperlichen Sinne eine vitale, kraftvolle Arbeit am Bild, die in den Oberflächen der Malschichten spürbar bleibt.

+ Zeit des Betrachtens – sie gehören zu jedem gemalten Motiv – spielen in der Art der Malerei Melanie Richters tatsächlich eine spezifische Rolle, da sich, wie angesprochen, erst im Vollzug eingehender Betrachtung der zeitliche Prozess des Malerischen offenbart.


Mit den für diese Ausstellung gewählten Motiven – sie bilden nur einen kleinen Ausschnitt aus der gesamten Motivwelt der Malerin – kommen weitere fundamentale Dimensionen der Zeit zum tragen:

+ Zeit des Lebens + Zeit des Todes + Zeit des Werdens und Vergehens 

 

Alles hat seine Zeit; DER PREDIGER SALOMO (KOHELET)
Um es mit den Worten des Prediger im Alten Testament zu sagen:

31 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;

3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;

4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;

5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;

6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;

7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;

8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

9 Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.

 

Mit diesen Worten hört man noch einmal ganz anders auf das Wort Krypta, denn:

Krypta – von diesem Wort stammt auch das deutsche Wort Gruft ab. Das ist übrigens eine sehr sinnige Wortentwicklung, denn die Krypta ist ein Ort, in den man hineingeht um mit dem Versprechen eines jenseitigen ewigen Lebens herauszukommen, und die Gruft ist der Ort, in den man hineingeht, um nie mehr rauszukommen.

 

„Das Leben ist kurz, die Kunst lang.“ Hippokrates’ Ausspruch

Nun, wie kurz unser Leben auch immer im Verhältnis zur Kunst im Allgemeinen und zur hier ausgestellten Malerei im Besonderen sein mag, lassen Sie sich von der Drohung der Vergänglichkeit bedrängen, eilen Sie nicht zu sehr, den Genuss vergessend durch diese Ausstellung – wir sollten auch im Sinn behalten, wie die Passage im Buch Prediger endet:

12 Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.

13 Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

Oder mit den alten Lateinern gesagt: Carpe diem – genieße den Tag!

Das Gleiche wird wohl für einen Menschen gelten, der sich guten Mutes der Kunst hingibt – daher: Nehmen Sie sich die Muße für einen ausgiebigen Spaziergang in der Ausstellung und dabei wünsche ich Ihnen viel Vergnügen.

 

copyright by Dr. Stefan Borchardt