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Wer es mit der Künstlerkarriere ernst meint, aber an Aufmerksamkeitsdefizit leidet und keine merkliche Präsenz im lokalen Kunstbetrieb aufweisen kann, sollte auf ein Werkzeug zurückgreifen: den Projektraum. Es ist für den Kunstschaffenden  nie schlecht, in einem Off-Raum auszustellen und ein wenig Öffentlichkeit zu generieren. Besser ist es aber noch, einen Off-Space zu gründen und es selbst zu animieren. Das persönliche Netzwerk des Raumbetreibers erweitert sich schlagartig und seine Reputation, bzw. seine Autorität nehmen deutlich zu – ebenso wie die Sichtbarkeit seiner Arbeit, bzw. seine Präsenz in der Szene. Die aktive Beschäftigung mit einem Projektraum kann nicht unbedingt einen Karrieresprung garantieren, verspricht zumindest kurzfristig eine lokale Steigerung der Aufmerksamkeit.

Es wäre bösartig – und unbegründet – zu behaupten, dass Kirsten Krüger das m330 ins Leben gerufen hat, weil sie eine solche Aufmerksamkeitssteigerung dringend benötigt. Das wissen wir nicht und, in diesem präzisen Fall, interessiert es uns nicht. Fakt ist, dass die Bildhauerin nun entschieden hat, ihr Atelier zwei Mal pro Jahr für fremde Beiträge zu öffnen und dass sie vor hat, selbst auszustellen. Die allererste Ausstellung wurde am vergangenen Freitag eröffnet und stand unter dem Zeichen der Zeichnung – pfui, was für eine hässliche Alliteration.

Drawing as a Second Language war jedenfalls der Beweis, dass Krügers lokales Netzwerk nicht gerade zu wünschen übrig lässt. Die Gastgeberin hat zehn feine Positionen um sich versammelt, zehn Düsseldorfer Freunde, die teilweise etabliert sind und sich in der alternativen Off-Szene rarmachen. Keiner der ausgestellten Künstler lässt sich als genuiner Zeichner bezeichnen (oje, es geht weiter mit den katastrophalen Alliterationen), behandelt jedoch das Medium auf eigenständige Weise.

Es waren also keine Vorskizzen oder Studien ausgestellt, sondern nur autonome Arbeiten, die ganz verschiedene Register ziehen – wobei die betonte Gegenständlichkeit aller Positionen, die in vielen Fällen in einer deutlichen Narrativität überging, augenfällig war. Augenfällig war auch, dass die Präsentation ernsthaft kuratiert war und nicht aus einer netten aber unbedachten Zusammenstellung von Freudinnen und Kumpels bestand. Viele der ausgewählten Papierarbeiten drehten sich um die Thematik der Metamorphose, der Veränderung, des undeutlichen Übergangs zwischen Mensch und Tier.

Die Entscheidung, Grafik auszustellen, war angesichts des räumlichen Kontextes, richtig. Man hätte sich in dem relativ niedrigen Raum – ein ehemaliges Büro, das nie für die Produktion oder für die Rezeption von Kunst gebaut wurde – nichts anderes vorstellen können. Insofern können wir gespannt sein, was Frau Krüger beim nächsten Mal aushecken wird. Die Latte hat sie jedenfalls bereits hoch gestellt.


Melanie Richter

 

cpyright Emanuel Mir, perisphere