Spaziergang in der Krypta
11.05.2013  |  von  

Kultur Spaziergang in der Krypta

Mit Werken von Melanie Richter präsentiert die Galerie Titus Koch auf Schloss Randegg einen „Spaziergang in der Krypta“

Metaphysisches Licht: Titus Koch zeigt Werke von Melanie Richter.  Bild: Gabelmann

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Erloschene Kerzen auf opulenten Kandelabern. Verrenkte Knochenglieder und Skelette vor diffusen Farbräumen. Große Totenschädel und leere Spiegel in leuchtenden Farbkontrasten. Mit diesen symbolträchtigen Motiven beschwören die Gemälde von Melanie Richter eine Aura des Morbiden und Vergänglichen. Unter dem mysteriösen Titel „Spaziergang in der Krypta“ entführt die Ausstellung der Galerie Titus Koch auf Schloss Randegg den Betrachter in düster-expressive Bildwelten, erfüllt von Vanitas-Gedanken und Todesahnungen.

Geboren 1964 in Göppingen, absolvierte Melanie Richter von 1986–90 zunächst ein Studium der Germanistik, Geschichte und Kriminologie in Freiburg, bevor sie ihre künstlerische Ausbildung zwischen 1990 und 1997 an den Akademien in Stuttgart und Düsseldorf, dort als Meisterschülerin von Dieter Krieg, durchlief. Heute zählt sie zu den erfolgreichsten Künstlerinnen gegenständlicher Malerei in der Gegenwartskunst.

Richters Bildschöpfungen leben vom kraftvollen Malprozess, der sich zwischen effektvollem Illusionismus und informeller Formauflösung seinen Weg zur eindringlichen Verdichtung des Gezeigten bahnt. Dabei bleibt vieles mehrdeutig und rätselhaft, öffnet eine Fülle von Assoziationsebenen zwischen Realität und Fiktion, Magie und Mystik. Richters stilllebenhaft anmutende Bildfindungen wurzeln in einer reichen kunst- und kulturgeschichtlichen Tradition und behandeln die universell-existenzielle Thematik von Zeit, Vergänglichkeit und Tod. Mannigfache Bezüge zur Motiv- und Vorstellungswelt des Mittelalters, Spätbarocks und der schwarzen Romantik bis hin zu Expressiven Realismus, Neuer Figuration und Gothic Revival schwingen mit.

Der Zugang zu den Bildern gelingt am ehesten über ihre spezielle Maltechnik und die reizvollen Oberflächentexturen. Nahsichtig erfasst und monumental ins Bild gesetzt, entfalten die Gegenstände ihre schwebende Wirkung vor unbestimmbaren Farbräumen. Transparenten und transzendenten Ausdruck gewinnen die Arbeiten durch den virtuosen Einsatz von flüssigem Wachs, das die Künstlerin mit Farbe übermalt und dann durch Hitze partienweise wieder ausschmilzt, so dass auf den Leinwänden unergründliche Leerstellen und offene Tiefenschichten entstehen. Die so ins Bild gebrachten, das Leben ausgehauchten Dinge wie die abgebrannten Kerzen und bleichen Knochen, changieren dann im Wechselspiel zwischen Zerrinnen und ewiger Dauer. Der rasche Malduktus, die Rinnsale des Wachses und neutralen Bildgründe sorgen für abstrahierende Verfremdungsmomente.

Wie im Ausstellungstitel angekündigt, birgt die Krypta (griech.: das Verborgene) als Synonym vielschichtige Verweise sowohl auf die Sujets wie auch auf den Malprozess. Insbesondere die schlosseigene Kapelle bietet mit ihrer gruftartigen Atmosphäre den kongenialen Kontext für die ebenso sakral-feierlichen wie düster-beklemmenden Kompositionen der Malerin. Bei aller morbiden Inhaltsschwere spricht doch eine sinnliche Leichtigkeit und lockere Frische aus den Gemälden – und so ist die Werkschau von Melanie Richter nicht allein ein Hinabsteigen ins Dunkle und Unheimliche, sondern auch ein Spaziergang durch das Lichtvolle.

„Melanie Richter – Spaziergang in der Krypta“. Galerie Titus Koch, Schloss Randegg, Gottmadingen-Randegg. Bis 26. Mai. Sa und So 11–18 Uhr.

copyright Südkurier, Andreas Gabelmann