Zur Ausstellung Lichtträger von Melanie Richter

16.08.-06.09.2009 in der Städtischen Galerie Kaarst


von Anne Rodler

Melanie Richters monumentale Figuren besetzen den Raum und nehmen den Betrachter dabei unmittelbar ein. Überlebensgroße Personen sind in schrillen, lauten Farben gemalt und fliegen auf uns zu. Trotz ihrer intensiven Farben, die starke Kontraste bilden, und trotz ihrer außergewöhnlichen Präsenz wirken sie ganz mild und scheinen langsam zu schweben. Wie rätselhafte Puppen wirken diese Astronauten und Menschen in Schutzanzügen, deren menschliche Züge verborgen bleiben.

Ihre Körperteile gehen malerisch fließend ineinander über. Dicke voluminöse Anzüge umgeben die Figuren vollständig und lassen nur sparsame Andeutungen des Inneren zu - es bleiben weiche Hüllen bauschig wie Watte, die die Figuren vor äußeren Einwirkungen schützen mögen.

In der Kaarster Ausstellung zeigt die Künstlerin Figuren aus verschiedenen Werkgruppen - die kindlich anmutenden, `Space Baby´ genannten Astronauten, die von 2003 bis 2005 entstanden sind, und die Menschen in Schutzanzügen, die den jüngeren Werkgruppen `Breakout´ und `Safetysuit´ angehören. Alle drei Gruppen haben gemeinsam, dass sie mit konkreten Gegebenheiten verbunden sind, auf die sie jedoch nur indirekt hinweisen. So gab Melanie Richter den `Space Baby´- Bildern Namen von Astronauten, die während der Entstehungszeit wirklich im Weltall unterwegs waren, beließ es aber bei den Vornamen.

Auf den `Safetysuit´-Bildern stellt die Künstlerin Anzüge dar, die nach den Strahlen, gegen die sie eingesetzt werden, benannt sind. Zum Beispiel werden die Sicherheitsanzüge `X - Ray´ als Schutz gegen Röntgenstrahlen und die Anzüge `Ion Ray´ und `Gamma Ray´, die kosmische Strahlungen abhalten sollen, präsentiert. Wo und wann sie im Einsatz waren, wird jedoch nicht bekannt gegeben.

Wir wissen nicht genau, in welchen konkreten, gefährlichen Situationen sich diese Menschen befinden. Entscheidend ist, dass sie uns in fremde Sphären entführen und uns in eine andere, irreal erscheinende Welt mitnehmen. Für den Betrachter sind sie nicht wirklich zu fassen und kreieren eine befremdende Distanz, vor allem auch, weil ihre Gesichter unsichtbar sind und Blickkontakte fehlen. Durch ihre leuchtenden Farben und den diffusen Raum haben sie etwas Unerklärliches und Phantastisches.

Auch erklärt sich die Darstellung des Raumes nicht: Die Protagonisten sind in einer vollkommen undefinierten, ebenso leuchtstarken Umgebung, von der sie sich stark absetzen, eingefügt. Ähnlich wie Engel vor illusionistischen Himmelsdarstellungen auf barocken Deckengemälden tritt mal die Figur, mal der Hintergrund näher. Dabei wird besonders viel Energie freigesetzt, womit die Künstlerin experimentiert. Aufgrund des Schwebezustands und der fehlenden Bezugspunkte bekommt der Betrachter eine Ahnung von Zeitlosigkeit und Schwerelosigkeit.

Anders verhält es sich bei den auf Pergamin gemalten Giftschutzanzügen `Breakout XL3´, in denen die Personen aufrecht stehen. Figur und Grund durchdringen sich völlig in ihrer linearen Allover - Struktur. Suggerieren die stehenden Figuren einen Stillstand, so entsteht durch das Zusammenspiel der verlaufenden Farblinien und Formen wieder eine fließende Bewegung.

Melanie Richter schafft umfassende Werkgruppen aus einfachen Motiven, die sie einzeln und Format füllend heranzoomt. Neben den körperlichen Schutzhüllen und den Astronauten untersucht die Künstlerin alltägliche Gegenstände wie Flaschen und Gläser, die sie in verschiedenen Varianten malerisch darstellt. Aus der Serie der Flaschen wird in Kaarst die Flasche mit dem Titel `BOTTLES, Bottle red´ (2008) ausgestellt. Auffallend ist, dass sie ebenfalls ohne Bodenhaftung im Raum schwebt und sich leicht zu drehen scheint. Erneut ergeben sich keine räumliche Perspektive und keine Lokalisierbarkeit.

Ob Raumfahrt- oder Schutzanzug, Flaschen oder Gläser - es geht um mehr als die äußere Hülle der Dinge, die Beobachtung der Form oder die Abbildung der realen Gegenstände. Vielmehr sind hier Volumen, Körper und Raum, Farbräume das Thema der Malerei. Stets lotet Melanie Richter das Verhältnis zwischen Fläche und Raum, zwischen Figuration und Abstraktion aus.

Ohne Vorzeichnungen und Skizzen entstehen die Gemälde während des Malprozesses direkt auf ihren großformatigen Leinwänden. Melanie Richters direktes Agieren schließt Züge der gestischen Malerei mit ein, deshalb wirken die Bilder so lebendig und explosiv!

In unterschiedlichen Techniken werden die Bildgegenstände aus dem puren Umgang mit Farbe und Leinwand unter Verwendung von Wachs oder Klebstoff herausgebildet. Oftmals gibt die Leerstelle des von der Leinwand abgenommenen Wachs oder Klebstoffes dem Motiv seine Form.

Melanie Richters Malerei behauptet sich gegenüber ihrem Motiv und macht sich selbst zum Thema. Die Bildgegenstände sind vielmehr der Anlass für eine experimentelle Malerei, die nicht nur mit einem Formen- und Farbrepertoire, sondern vor allem mit den materiellen Eigenschaften der Malerei selbst spielt.


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