Endlichkeit der unendlichen Weiten - oder umgekehrt
Katalogtext "SPACEBABY" von Charles Rump
"SPACEBABY" heißt eine neue Werkgruppe von Melanie Richter. Allein das Thema bringt den Vorrat möglicher Gedankenverbindungen zum Brodeln. Gehalten werden wir nur noch durch das Sehen, durch das Betrachten der endlichen Bilder über das, was potenziell mit Unendlichkeit zu tun hat. Aber so einfach ist das dann auch wieder nicht. So wie es in der Literatur den idealen Leser mit der idealen Schlaflosigkeit gibt (James Joyce), so gibt es auch in der Kunst den idealen Betrachter, der Bildern immer wieder Neues abgewinnt.

Romane liest man selten zweimal, Filme schaut man sich in der Regel auch nicht immer und immer wieder an. Bei Bildern - und hier ist Kunst gemeint - sieht die Sache ganz anders aus. Bei Opern, Konzerten, Theaterstücken liegt der Fall noch anders. Da ist es das jeweils Andere der Interpretation, sprich Inszenierung, das ein neues Ereignis darstellen kann; nur Tonkonserven kommen Bildern da nahe. Aber während man Bilder gern dauernd um sich hat, wird man kaum 24 Stunden lang dieselbe Symphonie hören wollen, selbst die "Fantastique" nicht.

Das liegt auch in der Natur der Sache, denn Bücher und Filme und andere Kunstprodukte verlangen eine großzügige Zeitökonomie, Bilder dagegen erlauben auch das kurze, intensive Erlebnis. Ein Erlebnis, das naturgemäß unvollständig ist in Bezug auf das Erlebbare, das aber durch Wiederholung komplettiert und uminterpretiert werden kann. Insofern unterscheidet sich in der täglichen Praxis unsere Wahrnehmungsweise von Bildern von der, in der wir Bücher lesen oder Filme sehen. Und insofern eignet dem endlichen Bild auch etwas von Unendlichkeit, schon in der Wahrnehmung.

Das mag vertrackt sein, gehört aber auch zur Faszination von Kunst, auch zu der der Bilder von Melanie Richter. Schauen wir einmal intensiv auf die "SPACEBABY"-Bilder. Ein Faszinosum liegt schon im Zusammenbringen von Kleinem (Baby) und riesig Großem (Space). Wir sehen eigentlich keine niedlichen Babies, sondern Kosmonauten-Anzüge, die wir auf Grund unserer ererbten Wahrnehmungsschemata als babyhaft einstufen, gerade so wie es Konrad Lorenz und Irenäus Eibl-Eibesfeldt schon vor langer Zeit beschrieben haben. Das löst bei uns zumindest Ansätze von Brutpflegeverhalten aus, von beschützen wollen. Und das Bild des im Kosmonauten-Dress schwebenden Babies, ohne Schläuche und Seile, frei im Raum flottierend, ruft die Ahnung von Gefahr und Verlorenheit auf den Plan. Auch hier kommen wieder widersprüchliche, antagonistische Eindrücke zusammen. Die Distanz zwischen ihnen ist genau jene, die wir, bildhaft gesprochen, mit ästhetischem Erleben füllen können.

Damit ist aber längst nicht Schluss. Melanie Richter gibt die Körperlichkeit der Spacebabies nur im Ansatz wieder. Deutlich genug, um den Gestaltprinzipien unserer Wahrnehmung, die nur einen geringen Anlass benötigen, eine "gute" Figur im Kopf entstehen zu lassen, eine klare Richtung zu weisen, aber reduziert genug, um nicht durch Unwesentliches abzulenken. So erkennen wir Posen und Haltungen: Hier ein verlorenes Schweben, dort scheint gerade eine Art kämpferischer Attitüde zu walten. Jedes Spacebaby ist anders.

Hinzu treten die farbige Gestaltung und die malerische Behandlung. Klare, leuchtende Farbkontraste schaffen, im Zusammenwirken mit der Konzentration auf die kompakte Figur im leeren Raum, eine starke bildliche Präsenz. Wir wissen schon lange, nicht erst seit dem "Hubble"-Teleskop (aber spätestens seit Hubble), dass der Weltraum gar nicht so schwarz ist, wie es uns gern scheinen mag. Im Gegenteil - er ist knackbunt, ein dreidimensionales "informel". So gibt es auch bei Melanie Richters Spacebabies starkfarbige Hintergründe, leuchtende Punkte als Chiffre für Sterne eingeschlossen. Die Spacebabies sind in sich farbig differenziert, aber klar gegen den Raum abgesetzt. So hat schon ein Alter Meister wie Poussin gearbeitet, aber Melanie Richter nimmt das, was bei Poussin "disegno" hieß, die zum Wohlgefallen hin optimierte Umrisslinie, nur pragmatisch her. Disegno ist keines ihrer Anliegen, jedenfalls nicht im traditionellen Sinne. Durch die Farbdifferenzierung jedoch wird das deutlich, worum es hier geht: um Malerei.

Natürlich weisen Melanie Richters Spacebabies auch auf allerlei hin, was durch die Medien geistert und die Fantasie der Menschen anregt: Der - wenn auch immer wieder zögerliche - Aufbruch ins Weltall, die Besiedelung anderer Planeten, als vielleicht einzige Möglichkeit, wenn man in sehr langen Zeiträumen rechnet, die Art homo sapiens sapiens durch die Zeiten zu retten, weil sein Heimatplanet terra in etwa 50 Millionen Jahren im Leib des glühenden Roten Riesen Sol aufgehen wird. Bis dahin leben wir vielleicht schon längst auf einem Jupitermond.

Das hat auch alles mit unserem angeborenen Forscher-, Entdecker- und Eroberungsdrang zu tun. So wie wir auf der Erde die weißen Flecken auf den Landkarten, mit denen die Nachkriegsgeneration noch aufgewachsen ist (!), fix gefüllt haben, so werden wir allein deshalb, wie immer es auch politisch und wissenschaftlich rechtfertigend formuliert werden wird, den Weltraum zu erobern suchen. Das liegt in der Natur des Menschen. Und die Spacebabies sind so vielleicht eine mythische Präformation.

Nur: Eine Geschichte zu erzählen ist eine Sache, ein Bild davon und dazu und damit zu machen eine ganz andere. Die "story" ist Inhalt, aber wir mögen alle keine Inhalte ohne Form, ohne Ästhetik. Form und Ästhetik haben für sich genommen keine Bedeutung. In der Sprache "bedeuten" Reim und Rhythmus nichts. Das kann man daran ablesen, dass der gleiche Reim, der gleiche Rhythmus, die gleiche Gedichtform (Sonette, etwa) für unterschiedlichste Inhalte benutzt werden können. Ästhetik aber ist so ungeheuer wichtig, weil sie Bedeutung organisiert, eine Besonderheit schafft, die das ästhetisch gestaltete Werk aus dem andauernden, auch visuellen, Informationsfluss heraushebt.

Malerei also ist das, was die Spacebabies zu etwas Besonderem macht, und es ist eine Malerei, die sich selbst zum Besonderen zählen darf. Das Spiel mit unterschiedlichen Farbebenen, mit den Formen, die sich aus dem Pinselstrich ergeben, und ihr Zusammensehen zur gemeinten Form erscheint als raffiniertes visuelles Spiel, das, seiner Endlichkeit zum Trotze, potenziell unendliche Optiken bietet. Und das kann auch als Definition von Malerei gelten.
Dr. Gerhard Charles Rump, Berlin © G.C.Rump
(In: `SPACEBABY´, Hsg. Kunstverein Schloss Oberhausen, 2004, POMP) ISBN3-89355-931-0